Raus hier! #52 · YouTube und überall, wo es Podcasts gibt
Als Aukse Marc Friedrich zum ersten Mal live erlebte, stand er 2024 bei einer Buchvorstellung im Bitcoin Hotel vor einem abgedunkelten Saal, lief bis in die hinteren Reihen und machte Witze über Leute, die er im Halbdunkel gar nicht erkennen konnte. Nach wenigen Minuten hatte er das Publikum so weit, dass es ihm aus der Hand fraß. Hängen geblieben ist ihr aber etwas anderes, nämlich die Antwort auf ihre Frage, warum er sich das alles antut, die Videos, die Bücher, die Auftritte und den Gegenwind. Er habe Kinder, eine Frau und Verantwortung, sagte er damals, und er wolle nicht, dass seine Kinder ihn eines Tages fragen, warum er in dieser Zeit den Mund gehalten habe.
In der neuen Folge von Raus hier! wollte Aukse deshalb weniger über Crash-Szenarien und Zinskurven reden, für die Marc Friedrich bei den meisten bekannt ist. Sie wollte wissen, wer dieser Mensch ist, wenn man die Studiobeleuchtung und die Thumbnails wegdenkt. Herausgekommen ist ein Gespräch über eine Jugend im Remstal, über Punk als Aufbauarbeit, über einen Laptop auf einem Bücherstapel und über die Frage, woran man sich halten kann, wenn man sich in einer Kultur nicht mehr ganz zu Hause fühlt.
Marc Friedrich ist in Waiblingen aufgewachsen, und er sagt ohne Umschweife, dass er Punk war und es im Herzen bis heute ist. Sein Punk hatte allerdings wenig mit dem Klischee aus Bier, Pöbeleien und kaputten Scheiben zu tun. Er kochte bei Food Not Bombs für Obdachlose, verarbeitete Lebensmittel, die sonst im Müll gelandet wären, und fing mit sechzehn an, Konzerte zu organisieren. Im Vorstand des damals selbstverwalteten, eher linken Jugendzentrums Villa Roller holte er Bands aus England und den USA ins Remstal, verhandelte mit Agenturen in Berlin, London und New York und musste dafür geradestehen, dass eine Band ihre Gage bekam, die sich schnell auf ein paar Tausend Mark summieren konnte.
Mit achtzehn gründete er ein eigenes Plattenlabel, weil er eine Vorband aus der Gegend so gut fand, dass er ihre Platte selbst finanzieren wollte. Er suchte das Presswerk, kümmerte sich um das Cover und verschickte Hunderte Pakete von Hand, zum Teil in die halbe Welt. Mit derselben Band fuhr er anschließend durch Europa, spielte in Italien, Serbien und Österreich in besetzten Häusern und schlief dort, wo man eben schläft, wenn man mit einer Punkband im Bus unterwegs ist. Wer ihm zuhört, merkt, wie sehr ihn diese Zeit geprägt hat, auch wenn er selbst sagt, dass seine eigene Coverband genau deshalb nicht lange hielt, weil er dort gesungen hat.
Aus heutiger Sicht war das eine unternehmerische Grundausbildung, die keine Schule hätte bieten können. Wer mit achtzehn Geld in eine Pressung steckt und dann darauf angewiesen ist, dass die Platten sich verkaufen, lernt schnell, was Risiko, Kalkulation und Verantwortung bedeuten. Marc selbst zieht die Linie direkt weiter: Weil Punk für ihn immer konstruktiv war, sei er heute so ein Fan von Bitcoin.
Der Rems-Murr-Kreis hatte damals eine erstaunlich lebendige Szene. Neben der Villa Roller gab es das Juze Hammerschlag in Schorndorf, wo Bands aus der ganzen Welt auftraten, das Unterhaus in Fellbach und ein Dutzend Bands aus Winnenden, Backnang und den Nachbarorten. Getragen wurde das fast vollständig von Ehrenamtlichen, die Anlagen aufbauten, Bands bewirteten und bis in die Nacht hinein Tontechnik schleppten, ohne dafür einen Pfennig zu sehen. Marc nennt sie Überzeugungstäter, und man hört, dass er sich selbst dazuzählt.
Manche Geschichten aus dieser Zeit klingen heute fast unglaublich. Er erzählt von Bands, die vor ein paar Hundert Leuten in kleinen Jugendhäusern spielten und wenige Monate später auf MTV rauf und runter liefen. Und er erinnert sich an eine Nacht nach einem Konzert, als der Sänger der schwedischen Band Refused in seinem Kinderzimmer saß und seine Plattensammlung durchging, Jahre bevor die Band vor riesigem Publikum spielte. Andere Musiker aus Amerika saßen mit seinen Eltern am Küchentisch.
Aukse nimmt diesen Faden auf, weil er direkt zum Namen dieses Magazins führt. Wer Konzerte organisiert, Räume öffnet und Musik unter die Leute bringt, arbeitet an Kultur, und zwar an der, die von unten wächst. Auf ihre Frage, welcher Kultur er sich zugehörig fühlt, ob er Schwabe sei, Württemberger oder Deutscher, antwortet Marc knapp: Mensch.
Die zweite Hälfte seiner Geschichte ist die, die viele kennen, und trotzdem erzählt er sie überraschend selbstkritisch. Als um 2011 herum die ersten Leute zu ihm kamen und sagten, er müsse unbedingt auf YouTube, hielt er das für einen vorübergehenden Trend, den er selbst nicht nutzte und deshalb für unwichtig hielt. Mit Bitcoin ging es ihm ähnlich. Er hielt es anfangs für Zaubergeld, das bald wieder verschwinden würde, und spricht heute ganz offen von der Hybris, die er damals entwickelt habe.
Das erste Video erschien schließlich 2019, aufgenommen im Kinderzimmer mit billigster Technik, der Laptop auf ein paar Bücher gestapelt, drumherum Klamotten und Chaos. Die Rechnung dahinter war simpel: Ein Buch oder ein Artikel erreicht vielleicht zehntausend Menschen, ein Video kann das Zehnfache schaffen. Nach seiner Erinnerung hatte der Kanal innerhalb weniger Monate über hunderttausend Abonnenten.
Was ihn bis heute trägt, beschreibt er mit einem Bild, das man einem Ökonomen mit Crash-Prognosen nicht unbedingt zutraut. Auf einem Dorffest kommt jemand Wildfremdes auf ihn zu und bedankt sich, weil Marc ihn durch die Corona-Zeit begleitet oder zu Bitcoin gebracht hat. Das sei ihm mehr wert als alles Geld der Welt. Wer keine Leidenschaft für seine Arbeit habe, solle es lassen, sagt er, das Leben sei zu kurz für Dinge, bei denen keine Flamme brennt. Karriere im Konzern oder in einer Partei, wo man sich jahrelang bücken müsse, um eine Stufe höher zu kommen, sei für ihn nie infrage gekommen.
Dazu gehört auch, dass er vor der Kamera derselbe ist wie dahinter, mit einem Humor, der manchen deutlich zu derb ist. Fans auf einem Event waren kürzlich überrascht, dass er privat genauso redet. Andere schreiben ihm empörte Mails und bestellen den Kanal ab. Er nimmt das gelassen und zitiert seinen Vater: Mitleid bekommt man geschenkt, Neid und Missgunst muss man sich hart erarbeiten.
Als Aukse nach seinen Kindern fragt, wird der Ton weicher. Als sie klein waren, verstanden sie nicht, warum fremde Menschen am Flughafen ihren Vater ansprachen und Selfies wollten. Heute sind sie stolz, erzählt er, und fasziniert von den Leuten, mit denen er spricht. Beim Essen gehe es oft tief in die Themen, und ihm ist wichtig, dass die Kinder sehen, dass er auch Gäste einlädt, die eine ganz andere Meinung vertreten. Er will sie zu Menschen erziehen, die ihren eigenen Kopf benutzen und sich ein eigenes Bild machen, anstatt nachzusprechen, was sie irgendwo gehört haben.
Aukse hält an dieser Stelle fest, was für sie der Kern ist: Die kleinste Zelle der Gesellschaft ist die Familie, und dort fängt Kultur an. Was dort nicht weitergegeben wird, ist irgendwann weg, egal, wie viele Museen und Förderprogramme es gibt.
In einem Punkt treffen sich die beiden besonders deutlich, und das liegt an Aukses Biografie. Sie ist dreizehn Jahre in der Sowjetunion aufgewachsen, in Litauen, mit Kriegsfilmen, in denen Deutsche nur als Feinde vorkamen. Ihre ersten deutschen Wörter waren deshalb keine Liebeserklärung, es waren „Hände hoch“ und „schneller, schneller“. In ihren Schulbüchern stand ein fetter Kapitalist mit dickem Bauch auf dem Rücken eines Arbeiters, und sie hatte als Kind ehrlich Angst vor dem Westen.
Marc hat für den Sozialismus einen Vergleich parat, den Bitcoiner sofort verstehen: ein Honeypot, ein Shitcoin, der viel verspricht und am Ende alle ärmer zurücklässt. Er verweist auf Orwells „Farm der Tiere“ und auf etwas, das er für tief in der menschlichen Natur verankert hält, den Wunsch, durch eigene Arbeit weiterzukommen, eine bessere Hütte zu bauen und mehr Vorräte für den Winter anzulegen. Menschen gleichzumachen, funktioniere schon deshalb nicht, weil keiner dem anderen gleicht, bis hinunter zum Fingerabdruck.
Aukse ergänzt das mit einer Beobachtung aus fünf Jahren Reisen über regenerative Höfe in ganz Europa. Dort habe sie gelernt, dass sich der Boden manchmal schon drei Meter weiter verändert, dass kein Blatt wie das andere ist und keine Schneeflocke. Eine Welt, in der alles gleich ist, wäre langweilig und obendrein unmöglich. Deshalb hält sie es auch in der Gesellschaft mit der Vielfalt, wie sie auf einem Acker mit guter Zwischenfrucht wächst.
Dann stellt Aukse eine Frage, die sie nach achtundzwanzig Jahren in Deutschland schon lange mit sich trägt. Sie als Litauerin, ihre Freundin aus Nordmazedonien, sie alle dürfen ihre alten Lieder singen und ihre Traditionen pflegen. Sobald aber jemand die deutsche Kultur verteidigt, die Schrift, die Bräuche oder konservative Bauernfamilien, fällt schnell das Etikett „rechts“. Sie versteht es bis heute nicht.
Marc antwortet mit seiner eigenen Lesart der Nachkriegsgeschichte und mit einer Erinnerung, die viele teilen dürften. Beim Sommermärchen 2006 hängten die Deutschen plötzlich wieder Fahnen ans Auto, und er erlebte eine Euphorie, die er vorher nicht kannte. Gäste aus Bolivien und Peru, mit denen er nachts um zwei über die Stuttgarter Königstraße lief, konnten kaum fassen, dass man sich hier so sicher bewegen konnte. Er selbst, der früher links war und Staat, Fahne und Regierung verachtete, sagt heute, dass er dankbar ist, in Deutschland aufgewachsen zu sein. Alles, was ins Fanatische kippt, hält er für ungesund, einen gesunden Stolz auf die eigene Herkunft dagegen für etwas ganz Normales, wie er es bei seinem spanischen Schwiegervater erlebt.
Aukse bringt noch einen Gedanken ein, der in dieser Debatte selten vorkommt. Was wir heute Hochdeutsch nennen, sei eigentlich Standarddeutsch, eine Verkehrssprache für alle, während die eigentlichen Kulturen in der Pfalz, in Mittelfranken, im Schwabenland oder in Bayern zu Hause sind. Diese Vielfalt bewahren am Ende die Dörfer, die Bauernfamilien und alle, die ihre Lieder, Rezepte und Bräuche an die nächste Generation weitergeben. Das ist für sie der eigentliche Grund, warum Hochkultur Landwirtschaft und Freiheit zusammen denkt.
Eine der schönsten Stellen des Gesprächs hat mit Bitcoin gar nichts zu tun. Aukse erzählt, dass sie sich selbst lange für einen sehr aufmerksamen Menschen gehalten hat. Dann fragte sie ihre 27-jährige Tochter, wo sie auf einer Skala von eins bis zehn stehe, und bekam eine Sechs bis Sieben. Sie war im ersten Moment enttäuscht und hat sich die Antwort dann als Auftrag genommen. Sie vergleicht sich mit einem Lastwagen, auf dem die gelb-schwarzen Markierungen zeigen, wo der Fahrer nichts sieht, und stellt fest, dass es einen selbst überraschen kann, wie groß dieser tote Winkel ist.
Marc erzählt daraufhin, wie lange er selbst geglaubt hat, er könne es allen recht machen. Als Junge versteckte er sich einmal im Schrank einer Freundin, um zu hören, was sie über ihn erzählt, und bekam eine Wahrheit zu hören, die ihn lange beschäftigt hat. Dass man nicht jedem gefallen kann, war eine harte Lektion, und er hält sie heute für eine heilsame. Kinder, meint er, seien in dieser Hinsicht die ehrlichsten Spiegel, die man haben kann, weil sie einen rund um die Uhr erleben und am Gesicht ablesen, wie es einem geht.
Am Ende landen die beiden bei einer Haltung, die viele im Hochkultur-Umfeld teilen. Aukse hat sich vorgenommen, in dem Kreis zu wirken, den sie tatsächlich erreicht, statt sich an Vergangenem abzuarbeiten, und sie zieht den Vergleich zum Bauern, dem man einredet, er müsse die ganze Welt ernähren, während er als regionaler Landwirt viel mehr bewirken kann. Marc sieht es genauso. Nicht jeder braucht einen YouTube-Kanal oder einen Podcast, sagt er, man kann mit Kollegen und Nachbarn reden und einfach anfangen. Was daraus wird, ob man drei Menschen erreicht oder drei Millionen, liegt nicht in der eigenen Hand.
Sein Schlusswort gilt der Frage, wer wir einander sein wollen. Niemand sei verantwortlich für das, was die Generation davor getan hat, sagt er, verantwortlich sei man für das eigene Handeln hier und jetzt. Hautfarbe, Religion oder Herkunft spielten dafür keine Rolle, entscheidend sei das Herz, und die Liebe sei die eine Sprache, die ohne Übersetzung auskommt.
Wer Marc Friedrich bisher nur als Mahner vor dem nächsten Crash kannte, lernt in dieser Folge einen anderen Menschen kennen, einen, der mit sechzehn Konzerte auf die Beine gestellt hat und im Grunde bis heute nichts anderes tut.
Die ganze Folge: Raus hier! #52 auf YouTube sowie auf Spotify, Apple Podcasts und Fountain.
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