Denken jenseits des
Staates.

ESSAY · HOCHKULTUR

Der Säugling kennt kein Gestern

Nach dem versiegelten Beginn fragt Anja, was eigentlich knapp ist, wenn ein Kind auf die Welt kommt. Ihre Antwort führt vom Weinen, das bleiben darf, über die Nacht im Familienbett zu einer Vergebung, die man vor allem sich selbst schuldet.
Mutter hält ihren Säugling in ruhiger Morgendämmerung an einem offenen Fenster.

Unsere Kultur leidet unter einem tiefen Missverständnis. Sie glaubt, dass Leben erst dann gelingt, wenn wir es ununterbrochen steuern. Wir schreiben Geburtspläne und takten Stillzeiten nach der Uhr, wir lassen Apps jeden Schlaf protokollieren und hüllen kindliche Körper in synthetische Barrieren, als wäre ein Neugeborenes eine Baustelle, die erst durch unseren dauernden Eingriff funktionsfähig wird. Dabei baut die Natur keine Mängelwesen.

Mein Sohn ist sechs Wochen alt, und es ist früh am Morgen. Er liegt auf meiner Brust, er hat gerade getrunken, er ist trocken, und er weint trotzdem, mit dieser hohen, ansteigenden Stimme, die einem direkt unter die Haut fährt. In mir springt alles an. Meine Hände suchen nach etwas, das sie tun können: ihn noch einmal anlegen, obwohl er satt ist, ihn wiegen, mit ihm durchs Zimmer gehen, summen, irgendetwas, damit es aufhört.

Diesen Impuls kenne ich inzwischen gut. Er ist älter als mein Kind. Er stammt aus der Zeit, in der ich selbst gelernt habe, dass Traurigkeit schnell vorbeigehen soll und Wut am besten gar nicht erst auftaucht, und er hat sich so tief eingeschliffen, dass er sich wie Fürsorge anfühlt.

An diesem Morgen habe ich ihn gehalten und sonst nichts getan. Ich habe ihn angesehen, meinen eigenen Atem ruhig gelassen und sein Weinen da sein lassen, so laut und so lange es eben war. Irgendwann wurde es leiser, er seufzte, sein Körper wurde weich, und er schlief ein. Gelöst hatte ich nichts. Es war auch nichts zu lösen gewesen. Er hatte etwas zu verarbeiten, und er konnte das, solange jemand bei ihm blieb.

In meinem letzten Text, Der versiegelte Beginn, ging es um die Einwegwindel, die den Körper eines Kindes vom ersten Tag an abdichtet, damit nichts mehr nach außen dringt und niemand mehr hinsehen muss. An jenem Abend habe ich verstanden, dass dieselbe Bewegung auch in mir steckt. Ein Weinen, das ich sofort beruhige, ist genauso versiegelt wie das, was in der Windel verschwindet. Es ist weg, bevor es sich zeigen durfte. Unsere Kultur hat verlernt, den Körper ihrer Kinder zu lesen, und mit ihm hat sie das Aushalten ihrer Gefühle verlernt.

Lauschen statt steuern

Seinlassen ist das unbequemste Wort, das ich für das Elternsein gefunden habe. Es klingt nach Nichtstun, und es verlangt mehr Aufmerksamkeit als alles, was ich vorher über Säuglingspflege gelesen hatte.

Mit dem Satz von den Mängelwesen widerspreche ich einer langen Tradition. Der Philosoph Arnold Gehlen hat den Menschen ein Mängelwesen genannt, und der Zoologe Adolf Portmann beschrieb den menschlichen Säugling als „physiologische Frühgeburt“, im Vergleich zu anderen Säugetieren etwa ein Jahr zu früh geboren. Mit der Frühgeburt hat Portmann recht, das Wort Mangel halte ich trotzdem für falsch. Ein Kind kommt unfertig zur Welt, und das, was ihm fehlt, ist längst eingeplant: der Körper seiner Eltern, ihre Wärme und ihr Herzschlag. Wer so gebaut ist, dass sich seine Vollendung im Arm eines anderen Menschen vollzieht, ist ein Beziehungswesen. Ich erlebe die Natur als in sich intelligent, und sie hat das erste Lebensjahr eines Menschen als gemeinsame Aufgabe angelegt.

Seinlassen heißt deshalb, dieser Ordnung nichts in den Weg zu stellen und dabei sehr genau hinzusehen. Das Abhalten ist für mich die reinste Form davon. Ich kann meinem Kind nur helfen, sich zu entleeren, wenn ich aufgehört habe, es zu verwalten, und angefangen habe, es zu beobachten: das kurze Innehalten mitten im Trinken, das Anspannen der Bauchdecke, den Blick, der plötzlich nach innen geht. Steuern und Lauschen sehen von außen manchmal gleich aus. Von innen sind es zwei völlig verschiedene Haltungen, und das Weinen vom Anfang hat mir gezeigt, wie oft ich das eine für das andere gehalten habe.

Wir sind dafür gemacht

Über das Elternsein wird heute gern gesprochen, als wäre es ein Zustand dauernder Überforderung, ein Kampf gegen Schlafmangel und Wäscheberge, an dessen Ende man sich selbst als gescheitert erlebt. Ich halte das für eine Opfererzählung, und ich halte sie für gefährlich, gerade weil sie so verständnisvoll daherkommt. Wer sich täglich erzählt, dass ihn die Elternschaft auffrisst, findet täglich Belege dafür und übersieht die eigene Kraft, die genauso da ist. Aus dieser Erzählung herauszufinden ist eine Übung, und Timo hat in seinem Text Ich bin nicht das Opfer der Welt, die ich sehe beschrieben, wie lang und lohnend dieser Weg sein kann. Für Eltern beginnt er mit einem einfachen Satz: Ich bin dafür gemacht.

Mann und Frau sind fürs Elternsein gemacht. Niemand muss Mutter oder Vater werden, und es gibt viele gute Wege durch ein Leben. Wer es aber wird, darf davon ausgehen, dass er dafür ausgestattet ist, und diese innere Ausrichtung verändert alles, was danach kommt.

Ich habe das an meinem eigenen Körper erlebt. Schon in der Schwangerschaft wurde mein Schlaf leichter und meine Wahrnehmung feiner, und nach der Geburt wachte ich oft auf, kurz bevor mein Sohn sich regte, und war sofort da, ruhig und klar, auf eine Weise, die ich vorher von mir nicht kannte. Ich habe auch erlebt, wie der Vater in diesen Wochen eine eigene Aufgabe bekommt. Er hält den Raum nach außen und schirmt ab, damit drinnen Ruhe sein kann. Diese Wochen sind anstrengend, und mit einer klaren Haltung wachsen sie einem trotzdem nicht über den Kopf. Es braucht keine übermenschlichen Kräfte, es braucht die Bereitschaft, die Natur wieder mitspielen zu lassen.

Was im Haus knapp ist

Wer Stoffwindeln sagt, erntet meist einen bestimmten Blick, irgendwo zwischen Müllvermeidung und Verzichtsmoral, und vor dem inneren Auge dampft schon der Waschkessel, an den sich eine junge Mutter gefälligst ketten soll. Dabei steckt im Wort Ökologie dasselbe griechische oikos, das Haus, wie in der Ökonomie, und mir ist die zweite Verwandte inzwischen näher. Ökonomie fragt, wie man mit knappen Mitteln haushält. In einer Familie mit Neugeborenem ist das Knappe schnell gefunden: der Schlaf der Mutter und die Klarheit im Kopf um drei Uhr nachts. Plastik und Waschpulver tauchen auf dieser Liste gar nicht auf.

Wer einen Hof oder ein Unternehmen führt, kennt diese Rechnung, und in einer Familie geht sie genauso auf: Ein Wickelsystem, das die Kräfte der Eltern auffrisst, rechnet sich nicht, wie gut seine Müllbilanz auch aussehen mag. Meine Erfahrung ist, dass Mutterschaft keine Selbstausbeutung sein muss. Sie darf eine Symbiose sein, in der beide wachsen, das Kind und die Mutter, und die vollkommenste Symbiose, die ich kenne, ist die zwischen Eltern und Säugling.

Eine Nacht

Wie diese Symbiose aussieht, lässt sich am besten an einer Nacht zeigen. Mein Sohn schläft neben mir. Wenn er sich regt, spüre ich es, bevor er weint. Ich muss nicht aufstehen, kein Zimmer durchqueren und kein Licht anmachen. Ich lege ihn im Liegen an, halb im Schlaf, und wenn er muss, halte ich ihn ab oder wechsle die Mullwindel, ohne dass einer von uns richtig wach wird. Danach schlafen wir beide weiter. Am Morgen bin ich müde, wie jede Mutter eines Säuglings müde ist, und trotzdem ausgeruht genug für den Tag.

Ob ein Kind im Bett der Eltern schläft, entscheidet jede Familie selbst, mit offenen Augen. Für mich ist das gemeinsame Bett eines der menschlichsten Dinge überhaupt.

Tagsüber trage ich ihn. Im Tuch blockiert er meine Hände nicht, ich kann kochen und arbeiten, und er ist mittendrin. Ich beobachte, dass ein Kind, dessen Bedürfnis nach Nähe so selbstverständlich gestillt wird, nicht darum kämpfen muss. Auf dem Körper der Mutter oder des Vaters übt es ständig mit, es gleicht Bewegungen aus, hält den Kopf, spannt sich und lässt wieder los. Mein Eindruck ist, dass ihm das eine Sicherheit gibt, auf die es später zurückgreift, wenn es von sich aus loszieht.

Auch die Windel gehört in diese Rechnung. Meine Erfahrung ist, dass Eltern, die früh die kleinen Zeichen lesen, ein ruhigeres Kind erleben und sich später manchen Kampf ums Töpfchen ersparen. Ob man dafür eine Mullwindel mit Snappi nimmt, saugfähige Einlagen als Rückversicherung oder Abhaltekleidung, ist zweitrangig, solange die Hilfsmittel der Physiologie dienen.

Mitleben

Jean Liedloff hat in ihrem Buch Auf der Suche nach dem verlorenen Glück beschrieben, wie die Yequana im Dschungel Venezuelas mit ihren Kindern leben. Dort gibt es weder Kinderzimmer noch Laufställe. Das Kind ist einfach dabei, es wird getragen, während die Erwachsenen arbeiten, kochen und miteinander reden, und es erfährt die Welt im Takt und im Schutz ihrer Bewegungen. Niemand macht es zum Mittelpunkt einer künstlichen Dauerbeschäftigung.

Liedloff war überzeugt, dass ein Menschenkind mit einer evolutionären Erwartung zur Welt kommt: getragen zu werden, Körperkontakt zu spüren und ganz selbstverständlich am wirklichen Alltag teilzuhaben. Bekommt es diesen Rahmen, verlangt es erstaunlich wenig zusätzliche Eingriffe. Man muss es dann nicht dauernd bespielen oder beruhigen. Man darf es sein lassen, und das ist für beide Seiten eine Erleichterung.

Was Wilhelm Reich gesehen hat

Was Liedloff im Dschungel beobachtete, hatte der Psychoanalytiker Wilhelm Reich, ein Schüler Freuds, Jahrzehnte zuvor als Gesetzmäßigkeit des Lebendigen beschrieben. Für Reich strebt ein gesunder Organismus nach freier Pulsation, nach einem Wechsel von Ladung und Entladung, Spannung und Entspannung. Und für ihn hatte jede Regung eines Säuglings einen Grund. Wenn ein Neugeborenes unruhig wird, die Bauchdecke anspannt, den Blick sucht oder weint, dann drückt sich darin seine Biologie aus, und wer diese Regung abstellt, um selbst Ruhe zu haben, hat sie nicht verstanden. Reich hat beschrieben, was geschieht, wenn eine Kultur solche Impulse systematisch übergeht: Der Organismus beginnt sich zu panzern. Er stellt die eigene Wahrnehmung ab, weil sie in seiner Umgebung keine Antwort findet.

Dass Reich heute vielen als Spinner gilt, gehört zu seiner Geschichte. In den USA erwirkte die Arzneimittelbehörde 1954 ein gerichtliches Verbot seiner Orgonforschung. 1956 wurden seine Bücher und Zeitschriften in New York auf behördliche Anordnung verbrannt, und 1957 starb Reich im Bundesgefängnis Lewisburg, wo er wegen Missachtung dieses Verbots einsaß. Ein Staat, der mitten im zwanzigsten Jahrhundert die Bücher eines Arztes verbrennt, hat damit über den Arzt noch nichts bewiesen. Über sich selbst allerdings schon.

Seinlassen heißt, dem Kind nichts überzustülpen, was seine eigene Regulation unsichtbar macht. Das Weinen meines Sohnes an jenem Morgen war genau so eine Regung. Sie hatte ihren Grund, auch wenn ich ihn nicht kannte, und sie durfte zu Ende gehen.

Wer vergibt

Das größte Geheimnis, das dieses Elternsein leicht machen kann, ist ein schlichtes: Hauptsache, man ist da. Wir machen uns verrückt mit dem Anspruch, alles richtig zu machen, und sofort meldet sich die innere Stimme, die fragt, ob wir das Signal übersehen oder falsch gedeutet haben. Dann suchen wir die Absolution irgendwo draußen, oder wir glauben, das Kind müsse uns unsere Unzulänglichkeit verzeihen.

Ein Säugling führt aber kein Buch über verpasste Gelegenheiten. Er kennt kein Gestern. Sobald wir uns ihm wieder zuwenden, ihn ansehen und an unseren Körper nehmen, ist der Faden wieder aufgenommen, als wäre er nie gerissen. Die Vergebung, auf die es ankommt, ist deshalb die, die wir uns selbst gewähren, und zwar für unsere eigene Wahrnehmung. Sie ist ein lebendiger, unvollkommener Filter, und sie darf lernen, sich irren und im Halbschlaf zu spät reagieren, ohne dass der innere Richter jedes Zögern als Versagen verbucht.

An jenem Morgen, als mein Sohn weinte und ich nichts tat, musste ich mir zuerst verzeihen, dass ich es so lange für meine Pflicht gehalten hatte, ihn sofort zum Schweigen zu bringen. Erst danach konnte ich wirklich bei ihm bleiben.

Lange dachte ich, das Kind sei der eigentliche Meister der Vergebung, weil es so mühelos wieder aufnimmt, was wir haben fallen lassen. Inzwischen glaube ich, dass jeder dieser Meister ist, der vergibt: die Mutter, die sich ihre Müdigkeit verzeiht, und der Vater, der sich seine Ungeduld nachsieht. Das Kind kann es ohnehin, jeden Tag aufs Neue. Wenn wir aufhören, die eigene Wahrnehmung zu verurteilen, fällt eine Verkrampfung ab, von der wir oft gar nicht wussten, dass wir sie tragen. Dann müssen wir das Kind nicht mehr fehlerfrei verwalten, und wir begleiten es als Entdecker. Wer einen Säugling mit diesem verzeihenden Blick begleitet, lernt Schritt für Schritt seine feine Sprache und sein eigenes Wesen kennen. Das Kind darf sich mit allem zeigen, was gerade ist, mit seiner Unruhe und seiner Erleichterung, und wir dürfen uns mit unserer Müdigkeit und unseren Lernschritten genauso sein lassen.

Das Fundament freier Menschen

Am Ende geht es um weit mehr als um Wickelmethoden oder die Frage, wo ein Kind schläft. Das Missverständnis, Leben gelinge nur unter ständiger Steuerung, hat eine Folge, die weit über das Kinderzimmer hinausreicht: Wer von Anfang an verwaltet wurde, lernt früh, sich verwalten zu lassen. Ein Kind dagegen, das getragen wird und dessen Regungen gehört werden, macht eine Erfahrung, die es durchs Leben trägt: dass es richtig ist, so wie es sich anfühlt, und dass es nicht funktionieren muss, um geliebt zu werden. Wer einem Kind diese Würde von Anfang an zugesteht, zieht keinen Verwalter fremder Vorgaben heran. Er legt das Fundament für einen Menschen, der gelernt hat, seiner eigenen Natur zu vertrauen.

Und wer seiner eigenen Wahrnehmung vertrauen durfte, lässt sich später nicht mehr so leicht bändigen.

Ein Kommentar

  1. Herzlichen Dank, liebe Anja, für diese tollen Bilder in meinem Kopf. Habe selbst zwei wundervolle Kinder. Jedoch offenbar zuviel „fehlerfrei verwaltet“ …

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