Denken jenseits des
Staates.

ESSAY · HOCHKULTUR

Die Guten

Ein NS-Wort, zwei politische Richtungen: Warum sich beide Seiten für die Guten halten – und weshalb die eigene Gewissheit gefährlich werden kann.
Zwei Personen sitzen sich in einem dunklen Raum gegenüber.

Anfang 2020 habe ich eine Frage gestellt, im Freundeskreis, in einer WhatsApp-Gruppe: ob diese ganze Geldpolitik, das plötzliche Gedruckte, tatsächlich nur mit dem Virus zu tun hat, oder ob eine ohnehin fällige Finanzkrise sich hier gerade einen sehr passenden Anlass sucht. Ich bin auf jede Corona-Demonstration gegangen, die es in Hamburg gab. Dort wurden wir als Nazis beschimpft. Am Familientisch, unter Freunden, in derselben WhatsApp-Gruppe kam eine andere Antwort, aber dieselbe Bewegung: „Egoist.“ „Schwurbler.“ „Mörder.“

Niemand hat mein Argument widerlegt. Niemand hat gefragt, was ich eigentlich meinte. Ich hatte damals schon geschrieben, dass jede Angst für den, der sie hat, gleich real ist – die Angst vor dem Virus, die Angst vor dem wirtschaftlichen Absturz, die Angst vor einem Überwachungsstaat. Keine ist kleiner oder größer, keine dümmer oder klüger. Aber genau das galt plötzlich nicht mehr. Meine Angst zählte, deine nicht. Wer mit der falschen Angst ankam, war einfach auf der falschen Seite gelandet – und wer auf der falschen Seite steht, muss nicht mehr gehört werden. Das war 2020. Es ist seither nicht besser geworden.

Meine Tochter ist Historikerin. Sie hat mir mal erzählt, wovor ihre ganze Zunft am meisten warnt: vor dem Satz „Geschichte wiederholt sich.“ Der stimmt nämlich nicht. Auch nicht in der weicheren Version, sie reime sich nur. Was sich wiederholt, hat mit Geschichte gar nichts zu tun. Es ist Psychologie. Menschen, die sich vollkommen sicher sind, die Guten zu sein, während die andere Seite die Bösen ist. Und das Böse – das ist die eigentliche Pointe – hat sich in der gesamten Menschheitsgeschichte kein einziges Mal selbst für böse gehalten. Es hielt sich immer für die Guten.

Genau da liegt die Falle, in die heute beide Seiten laufen. „Wehret den Anfängen“, heißt es, und gemeint ist: Wir haben früh genug erkannt, wer die Bösen sind, jetzt handeln wir, bevor es zu spät ist. Aber genau dieses Sich-sicher-Sein, die eigene Seite sei automatisch die gute, war in der Geschichte nie die Ausnahme, es war die Regel. Uniformen wechseln. Parteinamen wechseln. Die Gewissheit bleibt dieselbe.

Ein Wort, zwei Richtungen

„Volksverrat durch Lügenhetze“ war ein echter Straftatbestand im NS-Recht. 2016 wurde „Volksverräter“ zum Unwort des Jahres gewählt – weil AfD- und Pegida-Anhänger es gegen Angela Merkel benutzt hatten, wegen der Grenzöffnung in der Flüchtlingskrise. Die Sprachwissenschaftlerin der Jury nannte den Begriff damals „ein Erbe von Diktaturen“.

Zehn Jahre später, im September 2026: Nach Spionagevorwürfen gegen einen AfD-Europaabgeordneten und dessen Mitarbeiter nutzt die Junge Union auf X den Hashtag #Volksverräter – gegen die AfD. Der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe nennt AfD-Politiker „Vaterlandsverräter“, direkt vom Kreml bezahlt.

Dasselbe Wort. Derselbe NS-Ursprung. Nur die Richtung hat sich gedreht.

Die Guten, Teil zwei

Ein 90-jähriger Kabarettist sagt im August 2026, im Wahlkampf an der Seite des amtierenden Ministerpräsidenten, in die Kamera: „Ich bin ja sehr erfolgreich in der Schädlingsbekämpfung. Wie ich das mache? Ich wähle einfach nicht die AfD.“ Dieter Hallervorden, 210.000 Aufrufe, kein Missverständnis, er sagt es selbst, lachend. „Schädling“ und „Volksschädling“ waren im Nationalsozialismus reale Begriffe für Menschen, die man zur Vernichtung freigab. Er weiß das vermutlich nicht einmal. Er hält sich für den Guten in dem Moment, in dem er es sagt.

Frank Ulrich Montgomery, Präsident des Weltärztebunds, sagt 2021 bei Anne Will: „Wir erleben eine Tyrannei der Ungeimpften.“ Auf Nachfrage bestätigt er, den Begriff bewusst gewählt zu haben. Auch er, in dem Moment, einer der Guten, der die Solidarischen gegen die Rücksichtslosen verteidigt.

Der Kabarettist Uwe Steimle tritt im Juli 2026 bei einer AfD-Podiumsdiskussion in Dessau-Roßlau auf und fragt, mit Blick auf Kanzler Merz: „Wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn mal braucht?“ Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten. Erst im September wird das Verfahren eingestellt, mangels hinreichendem Tatverdacht.

Hallervorden bekommt für seinen Satz 210.000 Klicks. Steimle bekommt ein Ermittlungsverfahren. Welcher der beiden Sätze der eigentlich gefährlichere ist, darüber kann man streiten. Aber offenbar hat schon vorher jemand entschieden, wer hier der Gute ist und wer der Böse.

Hätte ein AfD-naher Komiker dasselbe über Grünen-Wähler gesagt, wäre er am nächsten Tag Thema jeder Talkshow gewesen. Der Satz bliebe derselbe. Nur das Urteil über den, der ihn sagt, stünde vorher schon fest.

Wehret wessen Anfängen

Genau dieselbe Gewissheit trägt die Debatte um ein AfD-Verbot. Ob ein Verbotsantrag vor Gericht Erfolg hätte, lässt sich sachlich diskutieren, das ist die juristische Frage. Spannender ist der Unterton, mit dem die Debatte tatsächlich geführt wird: Wir haben aus der Geschichte gelernt, wir erkennen die Anfänge, also dürfen wir jetzt handeln. Das ist genau der Satz, den auch die andere Seite für sich beansprucht, nur mit umgekehrten Namen.

Die Prüffrage

Es gibt einen einfachen Test, der sich in jeder Diskussion anwenden lässt, in der jemand mit historischer Wachsamkeit für die eigene Seite argumentiert: Namen vertauschen. Frag bei jedem #Volksverräter-Tweet der Jungen Union: Hätte ich das genauso gut gefunden, wäre der Hashtag 2016 in dieselbe Richtung gegangen, gegen Merkel statt gegen Krah? Wenn die Antwort zweimal anders ausfällt, je nachdem, welcher Name eingesetzt wird, ging es nie um den Mechanismus. Es ging darum, wer gerade gewinnen soll.

Das ist keine akademische Übung. Es ist die einzige Frage, die verhindert, dass man selbst zu dem wird, wovor man andere warnt.

Und die unbequemste Version stellt man sich am besten selbst zuerst: Hältst du dich gerade für einen der Guten? Wenn ja, ist genau das der Moment, an dem man am genauesten hinschauen sollte. Richtig und falsch gibt es durchaus. Nur hat die Gewissheit, ganz sicher auf der richtigen Seite davon zu stehen, noch niemanden vor einem Fehler bewahrt.

Was daraus folgt

Es gibt zwei Seiten, und jede hat ihre Berechtigung, gehört zu werden. Das ist keine Floskel, und es ist auch keine Gleichsetzung – man kann eine Position für falsch, sogar für gefährlich halten und ihr trotzdem das Recht zugestehen, ausgesprochen zu werden. Genau da trennt sich der Weg. Sobald eine Seite sich selbst für die Guten erklärt, wird die andere automatisch zum Bösen, und mit dem Bösen redet man nicht mehr, man bekämpft es – mit Ausgrenzung, mit Sprache, mit dem Ruf nach einem Verbot. Die eigene Meinung braucht dafür niemanden, laut und gerne verteidigt sie sich von ganz allein. Freiheit zeigt sich erst an der Meinung, die man für falsch, für gefährlich, für dumm hält, und der man das Wort trotzdem nicht abschneidet. Alles andere ist die eigene Meinung mit einem Gesetz im Rücken.

Wehret den Anfängen, ja. Aber den eigenen zuerst.

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