Am Rand eines Hangs in der Frankenhöhe steht seit ein paar Wochen ein Vermessungsstab mit Prisma. Das Gras drumherum steht hüfthoch, durchsetzt mit Margeriten und Wiesenkerbel, dahinter beginnt gleich der Wald. Kein Acker, keine Weide – ein artenreiches Stück Grünland, fast schon ein kleines Biotop, wie es in dieser Dichte selten geworden ist. Auf einer Fläche von rund fünf Hektar bei Banzenweiler soll trotzdem eine industrielle Biogasanlage entstehen, direkt am Naturpark Frankenhöhe. Auf dem Bild, ein Standbild aus unseren eigenen Filmaufnahmen vor Ort, stehen zwei Landvermesser mit ihrem Stab im hohen Gras, daneben Jens Keim, der bäuerliche Sprecher der Interessengemeinschaft „LandWert Frankenhöhe“. Keim ist kein Berufsprotestler: Er bewirtschaftet seit rund zwanzig Jahren einen Bio-Heumilchbetrieb mit vierundzwanzig Kühen in Gehrenberg – genau dem Ortsteil, in dessen Umfeld die Anlage entstehen soll –, beliefert eine Dorfkäserei, betreibt Ferienwohnungen für Familien und hat vorher schon zwei andere bäuerliche Interessengemeinschaften mitgegründet. Als er die Facebook-Gruppe der Stadt über das Projekt informierte, sammelten sich binnen weniger Tage rund hundertsiebzig Kommentare. Man kennt das Muster inzwischen: Projektankündigung, Bürgerversammlung, Widerstand, Vorwurf der Verhinderungsmentalität, am Ende ein zermürbtes Ringen zwischen Gemeinderat und Anwohnern, das selten irgendjemanden zufriedenstellt.
Ich erzähle diese Geschichte nicht, weil ich glaube, dass sie ungewöhnlich ist. Ich erzähle sie, weil sie so gewöhnlich geworden ist, dass wir aufgehört haben, uns zu fragen, was eigentlich am Werk ist, wenn ein Vermessungsstab in eine Blumenwiese gerammt wird. Die öffentliche Debatte darüber, ob diese Anlage gebaut werden soll, wird fast ausschließlich mit den Vokabeln der Klimapolitik geführt: CO₂-Bilanz, Wärmewende, Netzstabilität, Grundlastfähigkeit. Das sind legitime Kategorien. Aber sie erklären nicht, warum ein Landwirt, der seit Jahrzehnten in dieser Landschaft wirtschaftet, plötzlich das Gefühl hat, dass ihm etwas genommen wird, das in keiner CO₂-Tabelle auftaucht.
Ich möchte in diesem Text eine andere Frage stellen als die, die gerade überall gestellt wird. Nicht: Wie schnell dekarbonisieren wir Deutschland. Sondern: Was geschieht eigentlich mit unseren Landschaften, während wir das tun – und ist das, was da geschieht, eine Nebensache oder die eigentliche Sache?
Die Fabrik ohne Dach
Wenn man sich die Industriegeschichte der letzten zweihundert Jahre ansieht, dann war Industrialisierung immer eine Frage der Konzentration. Man baute Stahlwerke, Chemieanlagen, Automobilfabriken – große, laute, rauchende Gebäude, die man an bestimmten Orten bündelte, im Ruhrgebiet, in Ludwigshafen, in Wolfsburg. Die Industrie hatte ein Zuhause, und dieses Zuhause war klar von der übrigen Landschaft getrennt. Man konnte aus dem Zug steigen und wissen, wo die Fabrik aufhörte und das Land anfing.
Diese Trennung löst sich gerade auf, und zwar auf einer strukturellen Ebene, tiefer als es eine bloß graduelle Verschiebung vermuten ließe. Die neue Energieinfrastruktur – Windparks, Freiflächen-Photovoltaik, Biogasanlagen, Stromtrassen, Umspannwerke – hat kein Dach und keine Werkshalle. Sie hat kein Gelände, das man betritt und wieder verlässt. Sie ist die Landschaft, oder sie durchzieht sie zumindest so gründlich, dass die alte Trennung zwischen Industriegebiet und freier Natur ihren Sinn verliert. Ein Windpark steht nicht neben dem Wald, er steht im Wald. Eine Freiflächenanlage liegt nicht am Rand des Ackers, sie ist der Acker.
Was diese neue Industrie vor allem braucht, ist nicht Erz und nicht Kohle. Es ist Fläche. Das klingt banal, aber es hat eine ökonomische Konsequenz, die selten ausgesprochen wird: Wenn die wichtigste Ressource einer Industrie Land ist, dann verlagert sich der Interessenkonflikt zwangsläufig dorthin, wo Menschen leben, arbeiten und ihre Kinder großziehen. Natürlich haben auch Bergbau, Eisenbahntrassen, Kanäle und Hochspannungsleitungen die Landschaft schon immer flächig verändert, das wäre zu romantisch gedacht, wenn man das leugnete. Aber die sichtbarsten industriellen Produktionsanlagen selbst – die Werkshallen, die Schornsteine, die Fließbänder – waren stärker räumlich konzentriert, an Standorten, die man verlassen konnte, um in eine unberührtere Umgebung zurückzukehren. Die neue Industrie verteilt sich anders: über die gesamte Fläche des Landes, in jedes Dorf, an jeden Waldrand, in jede Talsenke, in der genug Wind steht.
Man kann das für Fortschritt halten – eine verteilte Infrastruktur mag widerstandsfähiger sein als eine zentralisierte, näher an den Verbrauchsorten liegen, Übertragungsverluste reduzieren. Das stimmt möglicherweise sogar, ändert aber nichts an der grundlegenden Beobachtung: Hier verschiebt sich, wo Industrie überhaupt stattfindet – und damit auch, was Landschaft in einer industriellen Gesellschaft noch bedeuten darf.
Landschaft hatte im deutschen Selbstverständnis lange eine Doppelrolle: Wirtschaftsraum für die Landwirtschaft, aber zugleich Gegenbild zur Industrie, ein Ort, an den man fuhr, um der Fabrik zu entkommen. Diese Doppelrolle war nie ganz sauber, doch der symbolische Unterschied war real: Man ging in den Wald, um Ruhe zu finden, nicht um an einer Umspannstation vorbeizulaufen. Diese symbolische Trennung stirbt gerade, leise, ohne dass sie irgendjemand offiziell für beendet erklärt hätte – und ein Teil des diffusen Unbehagens, das man in vielen Dörfern spürt, hat vermutlich weniger mit der einzelnen Anlage zu tun als mit dem Ende eines Ortes, an dem Industrie einfach nicht war.
Was Bürgerinitiativen tatsächlich eint
Wer sich die Widerstandsbewegungen gegen Windparks, Stromtrassen und Großanlagen in Deutschland genauer ansieht, macht eine interessante Entdeckung. Diese Initiativen sind politisch fast beliebig gemischt. In derselben Bürgerversammlung sitzen Menschen, die bei der letzten Wahl Grün gewählt haben, neben Menschen, die AfD gewählt haben. Naturschützer diskutieren mit CDU-Kommunalpolitikern, libertäre Selbstständige mit klassisch linken Umweltaktivisten, Landwirte mit pensionierten Lehrern. Wenn man versucht, diese Koalitionen entlang der üblichen politischen Achse zu erklären, scheitert man. Es ist keine rechte Bewegung und keine linke, keine klimaskeptische und keine klimabewegte im engeren Sinn.
Was diese Menschen verbindet, ist etwas, das in der politischen Analyse notorisch unterschätzt wird, weil es sich schlecht in Kategorien pressen lässt: Heimat. Nicht im völkischen, sondern im ganz konkreten, phänomenologischen Sinn – der Ort, an dem man die Wege kennt, an dem man weiß, wo im Frühjahr die Frösche laichen und wo im Herbst der Nebel steht, an dem die eigene Biografie in die Topografie eingeschrieben ist. Diese Bindung ist ideologisch neutral. Sie fragt nicht nach Parteibuch. Sie fragt: Was passiert mit dem Ort, an dem ich lebe?
Das ist der Grund, warum die politische Reaktion auf diese Bewegungen so oft daneben liegt. Wenn eine Bürgerinitiative gegen eine Biogasanlage protestiert und die Antwort lautet, man solle sich doch bitte nicht von rechten Kräften instrumentalisieren lassen, dann verfehlt diese Antwort das eigentliche Motiv vollständig. Viele protestieren nicht primär deshalb, weil sie eine bestimmte Klimapolitik ablehnen. Sie protestieren, weil ihnen niemand erklärt hat, warum ausgerechnet ihre Wiese, ihr Wald, ihr Talkessel den Preis für eine Politik zahlen soll, die in Berlin oder Brüssel beschlossen wurde und deren Nutzen sich über ganz Deutschland verteilt, während die Kosten – der Blick aus dem Küchenfenster, der veränderte Wasserhaushalt, der zerschnittene Waldweg – lokal bleiben.
Diese Asymmetrie zwischen verteiltem Nutzen und konzentrierten Kosten ist keine neue Erkenntnis der Wirtschaftswissenschaft, sie ist im Gegenteil eines ihrer ältesten Muster. Aber sie wird in der öffentlichen Debatte über Energiepolitik fast nie in dieser Klarheit benannt, vermutlich weil sie unbequem ist: Sie zeigt, dass der Widerstand vor Ort einer ziemlich präzisen Logik folgt – der Logik einer realen Verteilungsfrage, keiner Laune.
Banzenweiler, fünf Hektar
Zurück zur Frankenhöhe. Feuchtwangen ist, das muss man wissen, keine Region, die sich der Energiewende verweigert. Im Stadtgebiet stehen bereits neun Biogasanlagen mit einer elektrischen Leistung von über drei Megawatt, die Stadtwerke bauen aktiv das Gasnetz aus, man ist in der Region seit Jahren an das Thema gewöhnt. Der Widerstand gegen die neue Großanlage bei Banzenweiler kommt also nicht von Menschen, die grundsätzlich gegen Biogas sind. Er kommt von Menschen, die eine bestimmte Dichte, eine bestimmte Grenze erreicht sehen und sich fragen, wie viel Landschaft eigentlich noch übrig bleiben soll, wenn man diesen Weg konsequent weitergeht.
Das ist die Stelle, an der man innehalten sollte, bevor man weiterliest wie über eine reine Lokalnachricht. Denn hier trifft eine abstrakte Zahl – wie viel Prozent des deutschen Wärmebedarfs künftig aus Biogas kommen soll – auf ein sehr konkretes Stück Land, auf dem seit Jahrzehnten ungestört Gras und Wildblumen wachsen, auf dem ein bestimmter Boden über all diese Jahre einen bestimmten Zustand entwickelt hat, auf dem ein bestimmter Blick von einem bestimmten Küchenfenster aus besteht. Die Zahl kennt das Stück Land nicht. Sie kennt nur sich selbst.
Ich will hier keine Position dazu beziehen, ob diese konkrete Anlage gebaut werden soll oder nicht – das kann und soll vor Ort entschieden werden, von Menschen, die die Bodenverhältnisse, die Wasserläufe, die Nachbarschaftsstrukturen tatsächlich kennen. Was mich interessiert, ist etwas Grundsätzlicheres: die Struktur des Konflikts selbst. Auf der einen Seite steht eine Zielvorgabe, formuliert in Prozentsätzen und Megawattstunden, entworfen von Menschen, die diese Wiese bei Banzenweiler wahrscheinlich nie betreten haben und auch nie betreten werden. Auf der anderen Seite steht das Wissen der Menschen, die dort leben – über den Wasserabfluss nach Starkregen, über die alten Wegerechte, über das, was passiert, wenn man diesen speziellen Boden im Feuchten befährt.
Und doch wäre es unredlich, hier nur eine Seite sprechen zu lassen. Bürgermeister und Stadtwerke-Geschäftsführer wurden zu dem Projekt befragt, und ihre Begründung war, wenn man sie ernst nimmt, keineswegs zynisch: eine politische Vorgabe, die Energiewende umzusetzen; eine kommunale Aufgabe, den Bürgern möglichst günstige Wärme und Strom zu liefern; und eine Beobachtung, die die Verwaltung offenbar durchaus registriert – dass der Strukturwandel in der Landwirtschaft seit Jahren weg von kleinen Familienbetrieben mit Tierhaltung geht, hin zu größerem Ackerbau. Wenn diese Verschiebung ohnehin im Gange ist, kann man die freiwerdende Fläche auch gleich für eine Anlage nutzen, die Wärme für die Bürger liefert. Aus dieser Warte ergibt das Projekt einen inneren Sinn. Aus der Sicht eines Landwirts, der denselben Strukturwandel nicht als Naturgesetz, sondern als Ergebnis der Förderanreize erlebt, von denen im nächsten Abschnitt die Rede ist, ergibt dieselbe Logik keinen Sinn, sondern Willkür. Beide Seiten argumentieren in sich stimmig – das ist das eigentlich Beunruhigende daran, nicht dass eine Seite dumm oder böswillig wäre.
Es gibt an diesem Fall noch eine zweite Ebene, die über den Standort hinausweist. Jens Keim betreibt seinen Hof konsequent auf Nahrung hin: Heumilch, verarbeitet in einer Dorfkäserei, verkauft mit Gesicht und Herkunft – Landwirtschaft im ursprünglichen Wortsinn. Eine Biogasanlage in dieser Größenordnung braucht dagegen Energiepflanzen, meist Mais, angebaut auf Flächen, die damit für die Lebensmittelerzeugung verloren gehen, solange der Vertrag läuft. Das wirft eine Frage auf, die in der Debatte um einzelne Anlagen fast nie gestellt wird: Was für eine Landwirtschaft wollen wir eigentlich – eine, die gesunde, regionale, saisonale Lebensmittel erzeugt und dabei den Boden aufbaut, wie auf Höfen wie dem von Jens Keim? Oder eine, die sich zunehmend zwischen die neuen Industrieanlagen zwängt und selbst zur Industrie wird, Monokulturen aus Energiepflanzen, angebaut nicht für einen Teller, sondern für einen Fermenter, auf Flächen, auf denen am Ende auch keine Tiere mehr stehen? Diese Frage ist womöglich wichtiger als die nach dem Standort, weil sie nicht nur entscheidet, wo Energieinfrastruktur steht, sondern was aus dem restlichen Acker wird.
Modelle und Böden
Hier stehen wir mitten in einem Problem, das Friedrich Hayek vor über achtzig Jahren so klar formuliert hat wie kaum jemand vor oder nach ihm: das Wissensproblem. Sein Punkt war nie, dass zentrale Planung böswillig sei, sondern epistemologisch: Das Wissen, das für wirtschaftliche und ökologische Entscheidungen relevant ist, existiert nicht als geschlossenes Datenpaket, das man in Berlin oder Brüssel sammeln und optimal verteilen könnte. Es existiert verstreut, in den Köpfen unzähliger einzelner Menschen, oft implizit, oft nicht einmal in Worte zu fassen – das Gefühl eines Landwirts dafür, wann der Boden zu nass ist, um befahren zu werden, ist Wissen, aber keines, das sich in ein Formular pressen lässt. Das ist, genau genommen, vor allem Hayeks Beitrag, nicht der von Ludwig von Mises, dessen Praxeologie eine vorgelagerte, andere Sache ist: eine apriorische Wissenschaft des menschlichen Handelns, die ihre Sätze aus der bloßen Tatsache ableitet, dass Menschen zielgerichtet handeln, nicht aus Beobachtung und Messung wie eine Naturwissenschaft. Ob sich aus diesem Denken auch folgern lässt, dass komplexe ökologische Systeme sich der zentralen Steuerung entziehen, ist eine Erweiterung über das ursprüngliche Feld der österreichischen Schule hinaus – eine, die ich für plausibel halte, aber als eigenen Schritt kenntlich machen möchte, nicht als deren fertige Lehre.
Das ist der eigentliche Bruch, der durch die Energiewendedebatte verläuft, auch wenn er selten so benannt wird. Auf der einen Seite steht ein Politikstil, der mit Modellen arbeitet – Klimamodellen, Energiebedarfsmodellen, Flächenpotenzialanalysen. Diese Modelle sind notwendig, niemand kann eine Energiepolitik ohne sie machen. Aber ein Modell ist per Definition eine Vereinfachung, und die Frage, was in der Vereinfachung verloren geht, wird selten gestellt. Auf der anderen Seite steht das, was man vor Ort beobachtet, und das ist kein konkurrierendes Modell, sondern etwas kategorial anderes: gelebte, akkumulierte, oft gar nicht artikulierbare Erfahrung mit einem bestimmten Stück Land.
Andreas Tiedtke vom Deutschen Mises Institut, mit dem wir für einen Film gesprochen haben, brachte für genau dieses Problem eine alte, aber immer noch scharfe Unterscheidung ins Gespräch: die zwischen Karte und Gebiet. Eine Karte ist eine notwendige Abstraktion, aber sie bleibt eine Abstraktion, niemals identisch mit dem Gelände, das sie beschreibt. Das Problem beginnt dort, wo jemand die Karte für die Wirklichkeit selbst hält und dann verlangt, die Wirklichkeit möge sich der Karte anpassen, statt umgekehrt. Genau das lässt sich an der Flächenplanung für die Energiewende beobachten: Das Modell wird zur Richtschnur, an der die konkrete Landschaft gemessen wird, nicht umgekehrt.
Wenn diese beiden Wissensformen aufeinandertreffen, gewinnt in der Regel das Modell, weil es die Sprache der Verwaltung spricht, sich in Genehmigungsverfahren übersetzen lässt, messbar und zitierbar ist. Die lokale Beobachtung eines Landwirts, der seit dreißig Jahren das Mikroklima seines Tals beobachtet, hat strukturell einen schwereren Stand – nicht wegen ihres Wahrheitsgehalts, sondern weil sie sich der Form widersetzt, in der Entscheidungen getroffen werden.
Hayek selbst hat für die Haltung des Liberalen gegenüber der Gesellschaft das Bild des Gärtners benutzt, der eine Pflanze pflegt und dafür möglichst viel über ihre Struktur und ihre Wachstumsweise wissen muss, ohne sie deshalb wie eine Maschine konstruieren zu können – ein Bild aus „Der Weg zur Knechtschaft“, das mir seit Jahren nicht aus dem Kopf geht. Ich möchte diesem Bild eine Gegenfigur an die Seite stellen, die bei Hayek so nicht steht, mir aber hilft, den Unterschied greifbar zu machen: den Ingenieur. Der Ingenieur baut eine Maschine nach einem Plan, den er vorher vollständig entworfen hat, und die Maschine funktioniert, weil jedes Teil exakt der Vorgabe entspricht. Der Gärtner dagegen kann seinen Garten nicht auf dieselbe Weise konstruieren. Er schafft Bedingungen, unter denen etwas wachsen kann, aber das genaue Ergebnis entzieht sich seiner vollständigen Kontrolle, weil zu viele Faktoren zusammenspielen, die er weder kennt noch kennen kann. Energiepolitik, wie sie derzeit betrieben wird, verhält sich zur Landschaft wie ein Ingenieur, nicht wie ein Gärtner. Sie geht davon aus, dass sich eine politische Zielgröße linear in Fläche übersetzen lässt, ohne dass die Landschaft selbst als ein komplexes, sich selbst organisierendes System ernst genommen wird, das auf Eingriffe auf eine Weise reagiert, die kein Modell vollständig vorwegnehmen kann.
Das ist übrigens kein Argument gegen Planung überhaupt, das wäre ein Missverständnis der österreichischen Position. Auch ein Gärtner plant, gräbt, sät, greift ein. Der entscheidende Unterschied liegt in der Haltung: ob man ein komplexes System von außen vollständig beherrschen zu können glaubt, oder ob man sich als Teil eines Systems versteht, dessen Rückkopplungen man nur zum Teil versteht, und deshalb behutsam, korrigierbar und in kleinen Schritten vorgeht. Was dabei verloren geht, wenn Flächenzielvorgaben stattdessen den Charakter des Ingenieurs tragen, ist genau die Anpassungsfähigkeit eines gärtnerischen Ansatzes – die Möglichkeit, dass eine bestimmte Fläche sich als ungeeignet erweist, weniger weil sie eine Zielvorgabe verfehlt, als weil die Menschen und der Boden vor Ort etwas wissen, das im Modell schlicht nicht vorkam.
Was wir sehen, was wir vermuten, was wir nicht wissen
An dieser Stelle beginnt der Bereich, in dem man leicht von der Beobachtung in die Behauptung abrutscht. Der Reihe nach also.
Belegt und unstrittig ist: Der Bau und die Wartung großer Windkraftanlagen erfordern befestigte Zufahrten, Kranstellflächen und Fundamente, die den Boden an diesen Stellen dauerhaft versiegeln und verdichten. Das Umweltbundesamt beziffert das, je nach Studie und Definition von Neben- und Zuwegungsflächen, mit einer Schätzspanne von rund 0,2 bis 0,5 Hektar pro Anlage. Dem steht bei einer neu errichteten Anlage mit 151 Metern Rotordurchmesser eine Rotorkreisfläche von 1,79 Hektar gegenüber – sie hängt in der Luft und versiegelt den Boden darunter nicht, bestimmt aber die optische und akustische Präsenz der Anlage. Beide Flächenmaße sollte man nicht verwechseln, aber auch nicht gegeneinander ausspielen: Fußabdruck am Boden und Raum am Himmel sind beide real. Für Freiflächenanlagen und Biogasanlagen gilt Ähnliches in kleinerem Maßstab, und auch die Rodung von Schneisen für Zuwegungen und Stromtrassen ist eine belegte, messbare Tatsache, keine Interpretation.
Plausibel, aber empirisch weniger klar erforscht, sind die Fragen, die eine Ebene tiefer liegen: Verändern große Windparks lokale Windströmungen und damit Verdunstung und Bodenfeuchte in ihrer unmittelbaren Umgebung? Es gibt Forschung dazu, die auf messbare, aber kleinräumige Effekte hindeutet – etwa auf Temperaturunterschiede in unmittelbarer Nähe von Rotoren durch die sogenannte Verwirbelung. Ob und wie stark sich das auf landwirtschaftliche Erträge oder Waldökosysteme in größerem Maßstab auswirkt, ist Gegenstand laufender Forschung, kein abgeschlossenes Kapitel.
Beobachtung, aber nicht Beweis, ist das, was viele Landwirte in Gesprächen berichten: eine gefühlte Veränderung des Mikroklimas in der Nähe großer Anlagen, veränderte Wasserstände nach dem Bau von Zuwegungen, ein anderes Verhalten von Wild in der Umgebung von Windparks. Diese Beobachtungen sind wertvoll, aber sie sind Anekdote, nicht Statistik. Man sollte sie weder wegwischen, weil sie nicht in eine Studie gegossen sind, noch sie zu einer Tatsache erklären, nur weil sie oft wiederholt werden.
Offene Forschungsfrage schließlich ist, was aus alledem in Summe folgt – für Böden, für Grundwasser, für Biodiversität, für das großräumige Klima einzelner Regionen, wenn man diese vielen kleinen Eingriffe über eine ganze Landschaft hinweg addiert. Interessant ist übrigens, dass die am besten dokumentierte Umweltbelastung durch die Energiewende bislang gar nicht von Windkraft oder Solar ausgeht. Sie kommt vom Biogas-Maisanbau: In bayerischen Regionen mit besonders vielen Biogasanlagen sind die Pachtpreise auf über tausend Euro pro Hektar gestiegen, und in Hanglagen mit Mais-Monokultur ist die Erosionsgefahr gut belegt. Bei der Grundwasserfrage ist die Sprache selbst der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft vorsichtiger: Sie spricht von der Gefahr des Nährstoffaustrags in der vegetationsfreien Zeit, nicht von einem flächendeckend nachgewiesenen Schaden. Diesen Unterschied sollte man ernst nehmen, gerade weil die anderen beiden Punkte so klar belegt sind – insgesamt ein Effekt, der in der öffentlichen Debatte über grüne Energie auffällig wenig Beachtung findet, vermutlich weil Biogas symbolisch weniger auflädt als Windräder.
Was ich mit dieser Aufzählung von Sicherheitsgraden sagen will: Man muss diese Fragen nicht abschließend beantworten können, um zu verlangen, dass sie ernsthafter untersucht werden, als es derzeit geschieht. Das Problem ist nicht, dass wir zu wenig wissen. Das Problem ist, dass die politische Debatte so tut, als sei die Sache mit einem einzigen Kriterium – vermiedenes CO₂ – bereits vollständig entschieden, während die Fragen nach Boden, Wasser und Mikroklima im Genehmigungsverfahren häufig zur Formsache degradiert werden.
Menschenschutz
Es gibt in Deutschland einen ausgebauten rechtlichen und diskursiven Apparat für Naturschutz, für Artenschutz, für Klimaschutz. Es gibt Rote Listen, Umweltverträglichkeitsprüfungen, Fachgutachten zu Fledermauskorridoren und Vogelschlag. Was in diesem Apparat auffällig fehlt, ist eine vergleichbare Kategorie für den Menschen, der in dieser Landschaft lebt – gemeint ist damit nicht der Anwohner mit Klagerecht, sondern die viel weichere Idee, dass sein psychisches und kulturelles Verhältnis zu seinem Lebensraum selbst ein schützenswertes Gut sein könnte.
Was bedeutet es eigentlich, wenn sich der vertraute Horizont eines Menschen verändert? Nicht abstrakt, sondern konkret: der Blick, den man jeden Morgen beim Aufwachen hat, der Wald, durch den man als Kind gelaufen ist, der jetzt von einer Schneise durchschnitten wird, das Geräusch der Stille, das durch ein gleichmäßiges tiefes Summen ersetzt wird. Die Umweltpsychologie kennt Begriffe für diesen Verlust – Glenn Albrecht hat dafür das Wort „Solastalgie“ geprägt, das Heimweh, das man empfindet, ohne den Ort verlassen zu haben, weil sich der Ort selbst verändert hat. Aber dieser Begriff taucht in Genehmigungsverfahren nicht auf. Er hat kein Formular.
Ich glaube, dass diese Leerstelle kein Zufall ist, sondern eine strukturelle Folge davon, wie wir Umweltpolitik überhaupt denken: als Beziehung zwischen Mensch und Natur, in der der Mensch der Verursacher und die Natur das zu schützende Objekt ist. Diese Denkfigur hat ihre Berechtigung, aber sie blendet aus, dass der Mensch selbst Teil dieser Landschaft ist, in einem sehr wörtlichen Sinn – dass sein Wohlbefinden, seine Verwurzelung, sein Verständnis von Zuhause an diese konkrete physische Umgebung gebunden sind und nicht beliebig austauschbar. Wer das ignoriert, behandelt Heimat als bloße Kulisse, die man verschieben kann, solange die Gesamtbilanz stimmt.
Diese Leerstelle betrifft übrigens nicht nur die Menschen, die von einer solchen Entscheidung betroffen sind, sondern auch die, die sie treffen und umsetzen müssen. Im erwähnten Gespräch mit Bürgermeister und Stadtwerke-Geschäftsführer wurde irgendwann die einfache Frage gestellt, was sie denn persönlich von dem Projekt hielten. Die Antwort war ausweichend, fast leer: Die eigene Einschätzung habe hier keine Rolle zu spielen, man sei Amtsträger und führe aus, was auszuführen sei. Fairerweise ist das vermutlich weniger Ausweichen als professionelles Rollenverständnis, in dem sich Amt und Person bewusst trennen lassen. Interessant ist daran weniger, was diese Trennung über den einzelnen Amtsträger aussagt, als dass sich die Frage „Was halte ich für richtig?“ in dieser Rolle offenbar vollständig durch „Was verlangt meine Funktion von mir?“ ersetzen lässt, ohne dass das als Widerspruch empfunden wird. Genau das ist vielleicht die eigentliche Pointe der Modellgläubigkeit: Sie muss niemanden persönlich täuschen, um wirksam zu sein. Es reicht, wenn eine Rolle so definiert ist, dass private Einschätzung darin keinen Platz mehr braucht.
Man könnte einwenden, das sei Sentimentalität, kein Argument. Ich glaube, das Gegenteil ist richtig. Die Bindung an einen konkreten Ort ist eine der ältesten und am besten erforschten menschlichen Konstanten, von der Anthropologie bis zur Bindungsforschung. Eine Politik, die diese Bindung systematisch für nachrangig gegenüber einer aggregierten CO₂-Zahl erklärt, trifft eine stille, aber folgenreiche Wertentscheidung – und sie sollte diese Entscheidung offen aussprechen, anstatt sie hinter dem scheinbar neutralen Vokabular der Modellrechnung zu verstecken.
Interessant ist, dass weder die Bewegungen, die am lautesten für Heimatschutz im kulturkonservativen Sinn eintreten, noch jene, die am lautesten Naturschutz fordern, diesen Gedanken konsequent zu Ende denken – die einen verknüpfen ihn zu schnell mit Abgrenzung und Identität, die anderen begreifen den Menschen eher als Störfaktor, den man aus dem Ökosystem heraushalten sollte, statt als jemanden, der selbst Teil davon ist. Menschenschutz in dem Sinne, den ich hier meine, wäre eine dritte Position, die bislang kaum eine politische Heimat hat: die Anerkennung, dass der an einem Ort verwurzelte Mensch ein legitimes, eigenständiges Schutzinteresse hat, das weder mit nationaler Identität noch mit reiner Ökosystemfunktion identisch ist. Es beginnt mit der schlichten Frage, die man an jedes Genehmigungsverfahren stellen könnte: Was macht dieser Eingriff mit den Menschen, die hier wohnen bleiben, wenn die Bagger wieder weg sind?
Wer verdient an der Landschaft
Damit bin ich bei einem Punkt, der mir besonders wichtig ist, weil er in der öffentlichen Debatte fast systematisch missverstanden wird. Meine Kritik gilt weder dem Markt noch dem Unternehmertum noch dem Kapitalismus als solchem. Sie gilt etwas anderem, das oft mit Kapitalismus verwechselt wird: dem Korporatismus – der engen Verflechtung von Staat und ausgewählten Wirtschaftsakteuren, in der politische Entscheidungen Kapital in bestimmte Richtungen lenken. Ohne diese politische Förderarchitektur würden dieselben Investitionsentscheidungen vielfach anders ausfallen – es sind Subventionsarchitektur und Regulierung, die eine bestimmte Nutzung lohnend machen, nicht die Fläche selbst.
Die Ökonomie hat für dieses Phänomen einen präzisen Namen: Rent Seeking. Wenn der Staat garantierte Einspeisevergütungen, Ausschreibungsquoten oder steuerliche Vorteile für bestimmte Energieformen schafft, entsteht ein Anreiz, der selten auf die beste Lösung für ein konkretes Stück Land zielt, sondern auf die Lösung, die am zuverlässigsten gefördert wird. Investoren – häufig überregionale Fondsgesellschaften und Projektentwickler, seltener die Landwirte selbst – suchen dann systematisch nach Flächen, die diese Förderkriterien erfüllen, unabhängig davon, ob sie dafür ökologisch oder sozial geeignet sind. Es ist die vollkommen rationale Reaktion von Marktteilnehmern auf staatlich gesetzte Anreize, wie es die Public-Choice-Theorie von James Buchanan und Gordon Tullock beschrieben hat: Politiker und Bürokraten handeln, wie jeder andere Akteur auch, entlang ihrer eigenen Anreizstrukturen – Wiederwahl, Budgetwachstum, politisches Prestige –, und diese Anreize prägen am Ende die Regeln, die sie setzen.
Das Ergebnis ist eine Landschaft, deren Nutzung zunehmend von Förderbedingungen bestimmt wird statt von lokaler Eignung. Die fünf Hektar bei Banzenweiler werden kaum deshalb attraktiv, weil dort der beste Boden für diese Nutzung läge, sondern wegen einer bestimmten Kombination aus Einspeisevergütung, Wärmenetzförderung und kommunalem Interesse an regionaler Wertschöpfung. Der eigentliche ordnungspolitische Skandal, wenn man ihn so nennen will, liegt nicht darin, dass Unternehmer Geld verdienen wollen – das ist ihr gutes Recht. Er liegt darin, dass die Regeln des Spiels Kapital dorthin lenken, wo die Subvention am größten ist, und nicht dorthin, wo der tatsächliche Nutzen für Energiesystem und Landschaft am größten wäre. Hayek hat früh gewarnt, dass genau das die Folge einer Wirtschaftspolitik ist, die auf Detailsteuerung setzt: Jede Förderentscheidung schafft eine Gruppe von Gewinnern, die anschließend ein starkes Interesse daran hat, diese Förderung zu erhalten und auszubauen – sodass aus einer temporären klimapolitischen Maßnahme ein dauerhafter Interessenblock wird, der sich gegen jede Reform der Förderarchitektur wehrt, weil sein Geschäftsmodell direkt davon abhängt.
Man sieht die Mechanik dieses Interessenblocks an ziemlich unscheinbaren Stellen. Die Pachtpreise für Flächen, auf denen Energiepflanzen für Biogasanlagen angebaut werden, sind in bayerischen Regionen mit hoher Anlagendichte auf Werte weit über tausend Euro pro Hektar gestiegen – deutlich mehr, als sich mit klassischer Nahrungs- oder Futtermittelerzeugung auf derselben Fläche erwirtschaften ließe, auch wenn beides formal konventioneller Ackerbau ist. Dieser Preis spiegelt kaum noch Angebot und Nachfrage nach Nahrungsmitteln, sondern vor allem ein Subventionssignal: Er zeigt an, wo staatlich garantierte Vergütungssätze eine Rendite erlauben, die reine Nahrungsmittelproduktion nicht erreicht. Ein Landwirt, der seinen Betrieb wirtschaftlich führen muss, kann diesem Preissignal kaum widerstehen, selbst wenn er persönlich Bedenken gegen die ökologischen Folgen des Maisanbaus hat – die Struktur zwingt ihn faktisch in eine Richtung, die er als Einzelner vielleicht gar nicht gewählt hätte. Genau darum ging es Buchanan mit Public Choice: Politische Ergebnisse versteht man weniger, indem man nach guten oder schlechten Absichten fragt, als indem man sich die Anreizstruktur anschaut, die einzelne, durchaus vernünftig handelnde Menschen zu einem Gesamtergebnis zusammenführt, das am Ende kaum jemand explizit gewollt hat.
Damit lässt sich auch der Faden von ganz am Anfang wieder aufnehmen. Während Stahlwerke schließen, Chemieproduktion ins Ausland verlagert wird und allenthalben von Deindustrialisierung die Rede ist, entsteht mit genau diesen Förderarchitekturen und Anreizen eine neue, kapitalintensive Industrie, deren Fabrikhallen keine Adresse in einem Gewerbegebiet mehr haben. Ihre Produktionsfläche ist die Landschaft selbst, ihr Rohstoff ist die Subvention, nicht das Erz. Man könnte deshalb argumentieren, dass Deutschland gar nicht in dem Maße deindustrialisiert, wie es in der öffentlichen Debatte klingt – dass sich die Industrie vor allem verlagert, aus den alten Standorten heraus, in die Fläche hinein, und dabei eine Gestalt annimmt, die mit den Bildern von rauchenden Schornsteinen kaum noch etwas zu tun hat, ökonomisch aber denselben Gesetzen der Kapitalallokation und der politischen Anreizsetzung folgt wie die alte.
Eine Umweltpolitik ohne Umwelt
Wenn man einen Schritt zurücktritt und sich anschaut, wie sich der Begriff „Umweltschutz“ in den letzten zwanzig Jahren verändert hat, fällt eine bemerkenswerte Verengung auf. Umweltpolitik in Deutschland ist heute, in der öffentlichen Wahrnehmung wie in der politischen Praxis, fast deckungsgleich mit Klimapolitik geworden, und Klimapolitik wiederum ist fast deckungsgleich mit CO₂-Bilanzierung geworden. Eine einzige Kennzahl ist zur Leitwährung geworden, an der sich entscheidet, ob eine Maßnahme als ökologisch gilt oder nicht.
Das hat einen Preis, der selten benannt wird: Wasser, Boden, Humus, Mikroklima, Biodiversität und Landschaft – Kategorien, die noch vor einer Generation den Kern des Umweltschutzgedankens bildeten – sind gegenüber der einen dominanten CO₂-Kennzahl in den Hintergrund getreten. Eine Maßnahme wird in der politischen Debatte häufig primär über ihre CO₂-Wirkung bewertet, selbst wenn sie, wie der bayerische Biogas-Maisanbau zeigt, gleichzeitig Böden erodiert und Grundwasser belastet. Die Rechnung wird eindimensional, und was sich nicht in Tonnen CO₂ ausdrücken lässt, verschwindet aus der Bilanz, obwohl es real bleibt.
Ich halte das für einen Rückschritt, gemessen an einem älteren, reicheren Verständnis von Ökologie, das Systeme in ihrer Gesamtheit betrachtete – Bodenleben, Wasserkreisläufe, Artenvielfalt, das Zusammenspiel von allem mit allem – statt eine einzelne Größe zu isolieren und zu maximieren. Verständlich ist die Verengung schon, weil CO₂ sich leicht messen und in internationale Abkommen übersetzen lässt, während Bodengesundheit oder Landschaftsqualität sperriger, lokaler, schwerer standardisierbar bleiben. Aber Messbarkeit ist kein Ersatz für Relevanz. Eine Politik, die nur steuert, was sich leicht in eine Tabelle schreiben lässt, wird blind für alles, was sich dieser Tabelle entzieht – und Boden, Wasser und Heimat entziehen sich ihr in besonderem Maße.
Was wäre eine Umweltethik, die diese Verengung rückgängig macht, ohne den Klimaschutz zu verwerfen? Sie müsste, glaube ich, mit der Anerkennung beginnen, dass eine Landschaft mehr ist als eine Fläche zur CO₂-Vermeidung – dass Boden ein lebendiges System mit eigenem Wert ist, dass Wasser Kreisläufe hat, die durch punktuelle Eingriffe verändert werden, dass Heimat eine Form von kulturellem und psychologischem Kapital darstellt, die sich nicht beliebig neu herstellen lässt, wenn sie einmal beschädigt ist. Eine solche Ethik würde nicht weniger Energiewende bedeuten, aber eine andere: eine, die genauer hinschaut, bevor sie den nächsten Vermessungspfahl in die nächste Wiese schlägt.
Was am Vermessungspfahl hängt
Ich habe eingangs versprochen, keine Position dazu zu beziehen, ob die Anlage bei Banzenweiler gebaut werden soll. Dabei bleibe ich. Aber ich möchte am Ende dieses Textes noch einmal zu diesem Fleckchen Wiese zurückkehren, weil es, glaube ich, mehr aussagt als jede Statistik, die ich in diesem Essay zitiert habe.
Ein Vermessungsstab in einer Blumenwiese ist ein kleines Ding. Er verändert erst einmal gar nichts. Das Gras steht weiter hüfthoch, die Margeriten blühen weiter. Aber er ist ein Versprechen darauf, dass sich etwas ändern wird, und dieses Versprechen kommt von außerhalb – von einem Investor, einer Förderrichtlinie, einer politischen Zielvorgabe, die weit entfernt von diesem Hang entstanden ist. Der Stab markiert den Punkt, an dem eine abstrakte Entscheidung konkret wird, an dem eine Zahl auf einen Ort trifft, der eine eigene Geschichte hat, eigene Bodenverhältnisse, eigene Menschen, die ihn kennen.
Ich glaube nicht, dass die Lösung darin besteht, jede neue Anlage zu verhindern, und ich glaube auch nicht, dass die Menschen, die derzeit gegen Windparks und Biogasanlagen protestieren, immer recht haben. Aber ich glaube, dass wir eine Debatte führen, die an der falschen Stelle ansetzt, solange wir uns nur fragen, wie viel CO₂ wir vermeiden, und nicht auch, was wir mit unseren Landschaften tun, während wir das tun. Die Frage, die eigentlich am Anfang jeder Genehmigung stehen müsste, ist nicht nur, ob eine Anlage klimapolitisch sinnvoll ist. Es ist auch, ob dieser bestimmte Ort, mit seinem Boden, seinem Wasser, seinen Menschen, der richtige Ort dafür ist – und wer eigentlich die Autorität hat, das zu entscheiden: ein Modell in Berlin oder die Menschen, die auf dieser Wiese stehen.
Vielleicht ist das die eigentliche historische Verschiebung, von der dieser Essay handelt. Nicht, dass Deutschland deindustrialisiert wird, wie es in mancher Debatte heißt. Sondern dass die Industrie ihren alten Ort verlässt und sich über die Fläche verteilt, die bislang als ihr Gegenteil galt. Ob das eine Fortentwicklung ist oder ein Verlust, lässt sich nicht mit einer einzigen Kennzahl entscheiden. Es lässt sich nur entscheiden, wenn man bereit ist, genau hinzuschauen – auf den Boden, auf das Wasser, auf die Menschen, auf die Wiese mit dem Vermessungsstab.
Wir waren mit der Kamera vor Ort. Zur Biogasanlage bei Banzenweiler und zu genau dieser Frage der Modellgläubigkeit drehen wir derzeit einen Film, der in den kommenden Wochen erscheint – mit Jens Keim, mit den Landvermessern, mit der Wiese selbst, und mit Andreas Tiedtke, der die historische und philosophische Tiefe hinter dieser einen Wiese ausgeleuchtet hat.


