Wer bestimmt eigentlich, wer mein Feind ist?
Wer von Stuttgart aus über den Neckar nach Untertürkheim hinüberblickt, sieht auf der Anhöhe des Rotenbergs eine Kuppel, die eher nach Rom aussieht als nach Schwaben. Ein Rundbau mit ionischen Portiken, wie ein römisches Pantheon, das sich zwischen die Weinberge verirrt hat. Dort oben stand einmal die Stammburg der Grafen und späteren Könige von Württemberg. König Wilhelm I. ließ sie 1819 abtragen, um an ihrer Stelle das Grab seiner Frau zu errichten.
Sie hieß Katharina Pawlowna, war eine russische Großfürstin, Tochter des Zaren Paul I. und Enkelin Katharinas der Großen, und sie überlebte ihre Hochzeit mit Wilhelm nur drei Jahre, bevor sie im Januar 1819 überraschend starb. Der italienische Hofbaumeister Giovanni Salucci baute die Kapelle nach dem Vorbild des Pantheons, mit einer Öffnung in der Kuppel, durch die Tageslicht in einen fast leeren Rundraum fällt. In der Gruft darunter liegen zwei Sarkophage nebeneinander, für Katharina und für Wilhelm, dazu ein dritter für die gemeinsame Tochter Marie. Über dem Eingang steht ein Satz aus dem ersten Korintherbrief: Die Liebe höret nimmer auf.
Die Grabkapelle ist bis heute eine russisch-orthodoxe Kirche. Jedes Jahr am Pfingstmontag steigen Menschen den Rotenberg hinauf, ein Priester zelebriert die Liturgie, ein Chor singt auf Kirchenslawisch, und man gedenkt einer Frau, die vor über zweihundert Jahren aus St. Petersburg nach Stuttgart kam und dort blieb, im Tod wie im Glauben. Ich war selbst schon dort, an einem Pfingstmontag, und es ist ein eigenartiges Gefühl, mitten in Schwaben plötzlich diesen Gesang zu hören, während unten im Tal die Zeitungen über neue Sanktionspakete berichten.
Im Deutschland des Jahres 2026 ist wieder davon die Rede, wir müssten uns auf eine mögliche Konfrontation mit Russland einstellen. Und über einem Stuttgarter Weinberg steht seit zweihundert Jahren ein Satz, der etwas anderes behauptet.
Als eine Russin nach Württemberg kam
Katharinas Mutter, eine württembergische Prinzessin namens Sophie Dorothee, wurde 1776 im Alter von sechzehn Jahren nach St. Petersburg geschickt, um den russischen Thronfolger Paul zu heiraten. Sie trat zur Orthodoxie über, nahm den Namen Maria Fjodorowna an und wurde Kaiserin von Russland. Zwei ihrer Söhne bestiegen später selbst den Zarenthron. Auch Angehörige der württembergischen Familie ihrer Mutter machten in Russland Karriere, in Armee und Verwaltung. Als Katharina 1816 nach Stuttgart kam, kehrte sie also in gewisser Weise in die Herkunftswelt ihrer Mutter zurück – zwei Höfe, die seit Jahrzehnten Töchter, Söhne und Briefe hin und her schickten, bis die Frage, wo das eine Haus endete und das andere begann, kaum noch sinnvoll zu stellen war.
1816 heiratete sie ihren Cousin, den württembergischen Kronprinzen Wilhelm, und zog im April desselben Jahres in Stuttgart ein. Es war ein denkbar schlechter Zeitpunkt für einen Neuanfang. Ein Jahr zuvor war auf der indonesischen Insel Sumbawa der Vulkan Tambora ausgebrochen, die heftigste Eruption, die die Neuzeit kennt. Die Aschewolken verdunkelten monatelang den Himmel über der nördlichen Hemisphäre, und 1816 ging als das „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. In Württemberg bedeutete das Nachtfröste im Juli, verfaulte Ernten, verendetes Vieh. Menschen kochten Baumrinde und Gras zu etwas, das sie Brot nannten. Ganze Familien machten sich zu Fuß auf den Weg, irgendwohin, wo es vielleicht besser war.
Mitten in diese Katastrophe hinein wurde Wilhelm im Oktober 1816 König, mit einer Frau an seiner Seite, die offenkundig keine Lust hatte, sich auf repräsentative Auftritte zu beschränken. Noch im selben Winter gründete Katharina einen Wohltätigkeitsverein nach dem Grundsatz „Arbeit statt Almosen“ – binnen zwei Jahren entstand in jedem der vierundsechzig württembergischen Oberämter eine eigene Zweigstelle. Die Institution besteht bis heute, als Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg. Aus derselben Notzeit ging 1818 in Hohenheim eine landwirtschaftliche Lehr- und Versuchsanstalt hervor, der Vorläufer der heutigen Universität Hohenheim, laut deren eigener Chronik von Wilhelm und Katharina gemeinsam gegründet. Wie genau sich die beiden die Arbeit teilten, ob er eher an der Institution und sie eher an der akuten Not interessiert war, darüber gehen die Quellen auseinander, und daraus soll hier kein Gelehrtenstreit werden. Festzuhalten bleibt: Aus einer Hungerkatastrophe wurde eine landwirtschaftliche Lehranstalt, die bis heute existiert. Aus dem „Landwirtschaftlichen Fest zu Kannstatt“, das Wilhelm 1818 stiftete, entwickelte sich das Cannstatter Volksfest; die landwirtschaftliche Tradition lebt bis heute im Landwirtschaftlichen Hauptfest fort. Katharinas Anteil lag weniger beim Fest selbst als bei der gemeinsam gegründeten Centralstelle des landwirtschaftlichen Vereins.
Zwei Königreiche, zwei angeblich getrennte Völker, über eine einzige Familie so verflochten, dass man kaum sagen kann, wo das eine endet und das andere beginnt.
Die Donau hinunter
Während Katharina und Wilhelm versuchten, die Not in Württemberg zu lindern, verließen zur selben Zeit rund zehntausend Württemberger ihre Heimat in die entgegengesetzte Richtung. 1816 und 1817 zogen sie von Ulm aus die Donau hinab, bis zum Schwarzen Meer, viele von ihnen am Ende weiter in den Kaukasus, wo sie Kolonien gründeten, deren Namen heute seltsam vertraut und doch fremd klingen: Katharinenfeld, Elisabethtal, Helenendorf. Zar Alexander I. hatte ihnen Land und Steuerfreiheit versprochen. Manche folgten diesem Angebot aus schierer wirtschaftlicher Verzweiflung – Kriegssteuern, Zwangsrekrutierung, eine rabiate Reformpolitik der württembergischen Krone. Andere zogen los, weil sie in pietistischen Kreisen glaubten, das Jahr ohne Sommer sei ein Zeichen der nahenden Endzeit, und irgendwo hinter dem Kaukasus, in Richtung Ararat, ließe sich der Ort finden, an dem man dem Weltgericht entginge.
Ein Teil meiner eigenen Familie gehört zu dieser Geschichte. Auch bei uns gibt es Vorfahren, die denselben Weg gingen wie Tausende andere Württemberger, und es gibt bis heute Nachkommen jener Auswanderer, die dort geblieben sind, wo ihre Vorfahren vor über zweihundert Jahren ankamen. Ich kenne die Details nicht lückenlos, wie es bei Familiengeschichten meistens ist – man weiß mehr, als man beweisen kann, und weniger, als man gerne wüsste. Aber die Grundtatsache steht: Ein Teil von dem, was heute in offiziellen Papieren als russisch oder ukrainisch geführt wird, ist genealogisch schwäbisch. Und ein Teil dessen, was in Stuttgart als württembergische Geschichte gilt, ist ohne eine russische Zarenfamilie nicht zu erzählen.
Wer ist hier eigentlich deutsch? Wer russisch? Wenn ich ehrlich bin, verliert diese Frage nach ein paar Generationen jede praktische Bedeutung, außer der, die wir ihr aus politischen Gründen aufzwingen wollen.
Wie Dostojewski mich nach Russland führte
Baden-Baden war im 19. Jahrhundert praktisch eine russische Sommerkolonie mit deutscher Kulisse. Gogol lebte dort, Schukowski, Wjasemski, und vor allem Iwan Turgenjew, der sieben Jahre blieb, allein um in der Nähe seiner großen, unerreichbaren Liebe Pauline Viardot zu sein, deren Villa mit eigenem Theater zum Treffpunkt halb Europas wurde. Turgenjew schrieb dort „Rauch“ und „Gespenster“, und rettete 1868 ganz nebenbei seinen literarischen Erzfeind Lew Tolstoi vor dem finanziellen Ruin, nachdem der sich am Roulettetisch bis auf die letzte Rubel verspielt hatte. Zwei Männer, die sich zeitlebens kaum ausstehen konnten, halfen sich trotzdem, wenn es ernst wurde. Das nur nebenbei, weil es mir gefällt.
Der berühmteste Fall aber ist Fjodor Dostojewski, der 1863 zum ersten Mal in Baden-Baden auftauchte und in den deutschen Spielbanken – Wiesbaden, Bad Homburg, Baden-Baden – so ziemlich alles verlor, was er besaß. Aus diesen frühen Erfahrungen entstand 1866 „Der Spieler“, ein Roman, den er unter absurdem Zeitdruck herunterschrieb, weil ein Vertrag mit seinem Verleger ihn dazu zwang. Das eigentlich Verstörende kam danach: 1867 kehrte er mit seiner zweiten Frau Anna nach Baden-Baden zurück und durchlebte dort noch einmal, was er kurz zuvor beschrieben hatte, nur schlimmer. Zeitweise lagen beider Eheringe beim Pfandleiher. Anna hielt jeden Tag dieses Abstiegs in ihrem Tagebuch fest, mit einer Nüchternheit, die schwerer auszuhalten ist als jede Romanszene: er nimmt fünfzehn Taler, gewinnt zehn zurück, verliert wieder, bittet um mehr. Ein Mann hatte das Buch über die Spielsucht bereits geschrieben – und war dagegen trotzdem nicht immun.
Ich habe Dostojewski und Tolstoi seit meiner Jugend gelesen, mit einer Leidenschaft, die mir selbst manchmal übertrieben vorkam. Was mich an Dostojewski wirklich gepackt hat, war nicht die Psychologie seiner Mörder und Spieler, sondern seine religiöse Welt – das Starzentum, die geistlichen Väter, allen voran Starez Sossima in den „Brüdern Karamasow“. Diese Figur eines alten Mannes, der im Grunde nichts weiter tut, als zuzuhören und zu segnen, und der genau dadurch mehr verändert als jede Predigt, hat mich nicht mehr losgelassen. Über Dostojewski bin ich weitergesucht und irgendwann bei einem schmalen, unscheinbaren Buch gelandet, das seit über hundertfünfzig Jahren als Klassiker russisch-orthodoxer Spiritualität gilt: den „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“ – in jener Ausgabe, die Reinhold von Walter aus dem Russischen übersetzt hat und die der Benediktinermönch Emmanuel Jungclaussen, jahrzehntelang Abt des Klosters Niederaltaich, herausgegeben und eingeleitet hat. Es ist die Geschichte eines namenlosen Pilgers, der durch Russland zieht und versucht, den Bibelvers „Betet ohne Unterlass“ wörtlich zu nehmen, und der dabei von einem Starez in das sogenannte Jesusgebet eingeführt wird – ein kurzes, sich ständig wiederholendes Gebet, das mit dem Atem und irgendwann mit dem Herzschlag verschmelzen soll.
Ich spreche dieses Gebet seit ungefähr dreißig Jahren. Es hat mich durch alles begleitet, was in diesen dreißig Jahren passiert ist, und es begleitet mich heute noch, während ich diese Zeilen schreibe.
Zurück an die Donau
Den Mann, der dieses Buch herausgegeben hat, habe ich später kennengelernt. Nicht als Autorenname auf einem Umschlag, sondern als Menschen, mit dem man an einem Tisch sitzt.
Die württembergischen Auswanderer von 1816 fuhren die Donau hinunter, weg von zu Hause. Zweihundert Jahre später habe ich selbst viel Zeit an derselben Donau verbracht, nur weiter östlich, im Benediktinerkloster Niederaltaich bei Passau. Dort wird seit Jahrzehnten neben der lateinischen auch die byzantinische Liturgie gefeiert, in einem eigens dafür eingerichteten Kirchenraum, und die Mönche arbeiten seit Generationen an der Begegnung zwischen westlicher und östlicher Christenheit. Russische, ukrainische, rumänische, griechische Spiritualität, mitten in Niederbayern, in einem Kloster, das älter ist als die meisten Staaten, die heute Grenzen zwischen diesen Traditionen ziehen wollen.
Emmanuel Jungclaussen war dort jahrzehntelang Abt, und ich habe von ihm mehr über die russische Kirche gelernt als aus jedem Buch, das ich darüber gelesen habe. Über die byzantinische Liturgie, über das Herzensgebet, über eine Frömmigkeit, die nicht erklärt, sondern vollzieht. Er hatte diese ostkirchliche Gelassenheit, mit der man ein Gespräch auch einfach mal eine Weile stehen lassen kann. Meine Kinder haben ihn noch erlebt, als sie ganz klein waren; er hat sie gesegnet und sie in diesen kirchlichen Zusammenhang hineingenommen, in dem wir damals lebten. Ich denke oft an ihn.
Meine Russen
Viele Jahre lang war ich fast jeden Sonntag in einer russisch-orthodoxen Gemeinde in Stuttgart. Der Priester, der sie damals leitete, war kein Russe. Er stammte von hier, beschäftigte sich intensiv mit der Geschichte Stuttgarts und Württembergs und hielt darüber Vorträge, halb Seelsorger, halb Heimatforscher. Als ihn jemand einmal als Deutschen bezeichnete, korrigierte er freundlich: Württemberger. Ich musste lachen, weil es mir genauso geht. Mit Deutschland verbinde ich vor allem eine Finanzverwaltung. Mit Württemberg verbinde ich, wie meine Großmutter gesprochen hat.
Was mich in dieser Kirche gehalten hat, war der Gesang. In der orthodoxen Liturgie singt nicht die Gemeinde Strophenlieder wie im evangelischen Gottesdienst; getragen wird sie vom Chor, der die Antworten und Gesänge übernimmt, während der Priester und der Diakon ihre Teile singen und die Gemeinde mitbetet, sich bekreuzigt, sich verneigt. Dieser Klang aus Männer- und Frauenstimmen, ohne Instrumente, ohne jedes Effekthaschen, hat für mich bis heute nichts Vergleichbares. Die sonntägliche Feier ist meist die Göttliche Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomos, deren Kern uralt ist und deren Gestalt über Jahrhunderte gewachsen ist, wie genau weiß ich nicht. Was ich weiß, ist, wie es sich anfühlt: als betrete man etwas, das nicht jede Generation neu erfunden wird.
Die Osternacht dauert bis in den Morgen. Man steht, man geht in Prozession um die Kirche, irgendwann ruft der Priester Christus ist auferstanden, und alle antworten, und dann wird gegessen, geredet, umarmt, und die Menschen um einen herum, die man ein Jahr lang nur sonntags gesehen hat, kommen einem plötzlich vor wie Verwandte.
Ich liebe die russische Literatur. Ich liebe diesen Chorgesang. Ich liebe die Art, wie in russischen Küchen geredet wird, bis drei Uhr nachts, über Gott und Geld und die eigene Mutter, und wie unmöglich es ist, aus so einer Wohnung wieder herauszukommen, ohne noch etwas gegessen zu haben. Ich liebe diese Mischung aus Schwermut und Witz, aus Maßlosigkeit und einer Fähigkeit, Schweres zu tragen, ohne daran zu zerbrechen. Das ist meine Empfindung, kein ethnologisches Gutachten. Ich habe Freunde in Moskau. Freunde in St. Petersburg. Freunde in Wolgograd. Menschen mit Namen, mit einem bestimmten Lachen, mit Geschichten, die ich kenne.
Keiner von ihnen ist für mich am 24. Februar 2022 zum Feind geworden.
Wolgograd
2017 war ich in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad. Es ist bis heute einer der eindrücklichsten Orte meines Lebens.
Eine enge Freundin von dort hat uns durch ihre Stadt begleitet, zuvor auch durch Moskau und St. Petersburg. Küchen statt Hotellobbys, Abende, die kein Ende nahmen. In Wolgograd ist der Krieg nicht vorbei. Er steht in den Straßen, er hängt in den Museen, von denen ich in diesen Wochen etliche gesehen habe, und er sitzt in den Familien. Wer dort erzählt, erzählt früher oder später von einem Großvater, einer Urgroßmutter, einem Haus, das nicht mehr steht. Bei uns ist der Zweite Weltkrieg etwas geworden, das man sonntagabends im Fernsehen anschaut. Dort geht man daran vorbei, wenn man Brot holt.
Über allem liegt der Mamajew Kurgan. Man steigt Stufen hinauf, an Mauern entlang, in die der Schwur der Verteidiger von 1942 gemeißelt ist – keinen Schritt zurück, hinter der Wolga gibt es für uns keinen Boden –, und oben steht die „Mutter Heimat“, fünfundachtzig Meter hoch, das Schwert erhoben. Dieser Ort ist heroisch, patriotisch, kompromisslos, und Stalin erklärte die Stadt schon 1945 zur Heldenstadt.
Trotzdem habe ich dort oben geweint. Nicht kurz und verlegen, sondern richtig, mehrmals, an verschiedenen Stellen der Anlage, und ich schäme mich nicht dafür. Es war keine Verzweiflung. Es hatte etwas Lösendes, fast Heilsames, als würde jemand einem etwas abnehmen, von dem man nicht wusste, dass man es getragen hat. Was ich dort empfand, war ein sehr starker Geist der Versöhnung und ein einziger, sehr klarer Satz: nie wieder Krieg. Das ist meine Erfahrung, nicht die Botschaft, die diese Anlage offiziell aussendet. Ich weiß, dass beides auseinandergeht. Es ist mir egal.
In der Halle des soldatischen Ruhms brennt eine ewige Flamme, und an den Wänden stehen Namen, sehr viele Namen. Ich habe das nicht als Aufforderung erlebt, irgendjemanden weiter zu hassen. Ich habe es erlebt als Auskunft darüber, was Krieg mit Menschen macht.
34.505
Ein Foto von jenem Tag ist mir wichtiger geworden als alle anderen. Es zeigt kein Monument, sondern ein Schild, unauffällig, wie in deutschen Parks die Schilder stehen, die das Betreten des Rasens verbieten.
ПО БРАТСКОЙ МОГИЛЕ НЕ ХОДИТЬ! Das Massengrab nicht betreten. Darunter, fast beiläufig: Hier sind 34.505 Menschen bestattet.
Vierunddreißigtausendfünfhundertfünf. Nicht ungefähr fünfunddreißigtausend. Jemand hat gezählt, bis auf die letzte Stelle, und die Zahl dann auf ein Schild geschrieben, das aussieht wie eine Parkordnung.
Unsere Begleiter, Menschen aus der Stadt und ein Fremdenführer, erklärten mir, man könne heute nicht mehr sicher sagen, wer dort im Einzelnen liege. Man gehe davon aus, dass Gefallene verschiedener Seiten und Herkunft darunter seien, sowjetische Soldaten und möglicherweise auch deutsche. Ich gebe das so wieder, wie es mir dort erklärt wurde, und nicht als abschließend geklärte Tatsache.
Aber selbst wenn man es genau wüsste – nach welcher Ordnung sollte man diese Menschen sortieren? In der Roten Armee kämpften Russen, Ukrainer, Kasachen, Georgier, Tataren, Armenier, Usbeken, Juden, Weißrussen. Auf der anderen Seite standen neben der Wehrmacht Rumänen, Italiener, Ungarn, Kroaten, auch Ukrainer und Hilfstruppen aus Gebieten, die heute zu einem halben Dutzend Staaten gehören. Deutsche gegen Russen ist eine Formel für Schulbücher. Unter dem Rasen liegt etwas anderes.
Am Strand der Wolga
Dieselbe Reise. Meine Freunde in Wolgograd erzählten viel von der Unterkunft für Menschen, die aus dem Donbass nach Russland geflohen waren; ich habe sie nur von außen gesehen, ein Gebäude wie viele andere, an dem man vorbeifährt.
Kennengelernt habe ich einige von ihnen später, an einem Strand an der Wolga. Sommer, Wasser, Kinder, die schrien wie Kinder überall schreien. Sie sprachen Russisch, ich spreche nur ein paar Brocken, also wurde übersetzt, Satz für Satz, was Gespräche seltsam langsam und seltsam genau macht.
Sie erzählten von Beschuss, von Angst, von bewaffneten Freiwilligenverbänden, von ukrainischen Nationalisten, von Bandera, von Asow. Ich gebe das als ihre Erzählungen wieder, so wie sie 2017 an diesem Strand zu mir kamen, über eine Dolmetscherin, und nicht als etwas, das ich überprüft hätte. Menschen, die vor einem Krieg geflohen sind, liefern keine ausgewogenen Lagebeurteilungen. Das gilt überall, auf allen Seiten jeder Front.
Fünf Jahre später, am Morgen des 24. Februar 2022, begann die russische Regierung ihre großangelegte Invasion der Ukraine, einen Angriffskrieg, den ich verabscheue. Und während die Nachrichten liefen, sah ich diese Menschen am Wolgastrand vor mir, die mir schon 2017 erzählt hatten, dass sie geflohen seien. Im Donbass wurde seit 2014 gekämpft und gestorben, Menschen waren längst unterwegs, in beide Richtungen über dieselbe Grenze.
Nichts davon rechtfertigt die Invasion. Und die Invasion löscht nicht aus, was vorher geschah. Geschichte beginnt selten genau an dem Tag, an dem die Nachrichtensendung ihre Uhr auf null stellt.
Bei der Arbeit an diesem Text bin ich übrigens darauf gestoßen, dass dreißig Kilometer nordwestlich von Wolgograd, mitten in der Steppe, eine deutsche Kriegsgräberstätte liegt: Rossoschka, eingeweiht erst 1999, Zehntausende Gefallene, und es werden noch immer mehr, weil bis heute Gebeine gefunden werden. Ich war nie dort. Ich wusste 2017 nicht einmal, dass es diesen Ort gibt.
Und jetzt sollen wir wieder Feinde sein
Im Frühjahr 2025 kündigte Friedrich Merz an, die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas machen zu wollen. Im Mai erklärte er, für westliche Waffen in der Ukraine gebe es keine Reichweitenbeschränkungen mehr. Im September dann der Satz, der in seiner Vorsicht fast unterging: „Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden.“
Auf russischer Seite fiel die Sprache nicht weniger martialisch aus. Außenminister Sergej Lawrow erklärte im Mai 2025, Europa habe sich erneut unter eine Nazi-Flagge gestellt, und sprach im September bei einer Pressekonferenz zur UN-Generalversammlung von klaren Zeichen der Re-Nazifizierung in Deutschland, mit dem Ziel, wie einst Hitler ganz Europa zu dominieren.
Beide Seiten arbeiten mit demselben Handgriff. Aus einer Regierung wird ein Land, aus einem Land ein Volk, aus einem Volk eine Bedrohung. Aus „die russische Regierung führt einen Angriffskrieg“ wird in wenigen Schritten „Russland ist gefährlich“ und am Ende, im Kommentarbereich, „die Russen“. Kritik an einer Regierung, die einen Angriffskrieg begonnen hat, ist berechtigt. Der dritte Schritt ist es nicht.
Ich schrieb neulich auf X: „Diese ganze Anti-Russland-Hetze hier ist zum Kotzen. Дружба.“ Дружба heißt Freundschaft.
Wenig später war ich Russland-Troll, Vatnik und Vaterlandsverräter. Einer empfahl mir, nach Russland zu ziehen und dort zu bleiben. Es war das russische Wort, das die Sache eskalieren ließ, und es bedeutete Freundschaft.
Seit wann ist die Liebe zu einem Volk und seiner Kultur ein Bekenntnis zu dessen Regierung?
Wer führt eigentlich Krieg?
Die naheliegende libertäre These wäre: Menschen seien von Natur aus friedlich, nur Staaten führten Krieg. So einfach ist es nicht. Menschen können hassen, können morden, können in Pogromen sehr eigenständig grausam werden, ohne dass ein Befehl von oben nötig wäre.
Aber man sollte auch nicht so tun, als sei der Jubel von 1914 spontan aus den Menschen herausgebrochen. Die jungen Männer, die singend in die Züge Richtung Front stiegen, waren jahrzehntelang darauf vorbereitet worden. In den Schulen, in den Vereinen, in den Kasernen, in den Zeitungen, in einer preußisch geprägten Staatskultur, die aus Untertanen ein Volk und aus einem Volk eine Armee formen wollte. Ich behaupte nicht, das Deutsche Reich habe diesen Krieg allein verursacht; an dieser Katastrophe haben mehrere Regierungen mit bemerkenswerter Zielstrebigkeit mitgearbeitet. Aber ohne Nationalstaaten, Wehrpflicht, Massenheere, Steuerapparate, Eisenbahnlogistik und eine jahrzehntelange Erziehung zum nationalen Wir wäre ein Krieg dieser Größenordnung schlicht nicht organisierbar gewesen. Und aus diesem Krieg wiederum wuchsen die Verhältnisse, aus denen der Nationalsozialismus hervorging und am Ende die Männer in der Wolgasteppe lagen.
Wir-Gruppen gab es lange vor den Nationalstaaten. Aber der moderne Nationalstaat kann dieses Wir in einem bis dahin kaum gekannten Maßstab organisieren: Millionen Menschen, die einander nie begegnet sind, sollen sich als ein Kollektiv verstehen – und gegebenenfalls Millionen andere als dessen Feind. Ein Bauer aus Schwaben und ein Bauer vom Wolgagebiet hatten einander nichts getan. Man musste sie erst zu Deutschen und zu Russen machen, sie einkleiden, bezahlen, transportieren und aufeinander zubewegen. Hass kann Menschen töten. Aber 34.505 Tote unter einem Hügel brauchen Befehle, Logistik, Waffen, Nachschub und Verwaltung.
Die Frage ist deshalb nicht, ob Menschen gut und Staaten böse sind. Sie lautet: Warum überlassen wir Institutionen so bereitwillig die Entscheidung darüber, wen wir zu fürchten haben?
Pfingstmontag
Ich habe keinen Fünfpunkteplan für Verhandlungen, und ich misstraue jedem Text, der am Ende plötzlich außenpolitische Detailkompetenz behauptet.
Ich habe eine Freundin in Wolgograd, die mit uns wochenlang durch ihre Stadt gelaufen ist. Ich habe Freunde in Moskau und St. Petersburg, an deren Küchentischen die Abende kein Ende nahmen. Ich habe ein Foto von einem Schild vor einer riesigen Frauenstatue über der Wolga, auf dem steht, man möge das Massengrab nicht betreten, es lägen dort 34.505 Menschen. Ich habe Tränen auf diesem Hügel gelassen. Ich habe Menschen am Wolgastrand zugehört, deren Sätze mir jemand übersetzen musste, während ihre Kinder im Wasser schrien. Und ich spreche seit dreißig Jahren jeden Tag ein Gebet, das über einen Roman und einen namenlosen Pilger zu mir gefunden hat.
Wenn Sie irgendwann an einem Pfingstmontag nichts vorhaben, steigen Sie in Stuttgart auf den Rotenberg hinauf. Zwischen den Weinbergen steht dann die Tür der Grabkapelle offen. Der Priester singt, der Diakon antwortet, und dann setzt der Chor ein, Männer- und Frauenstimmen ohne jedes Instrument, in einem Rundbau aus dem Jahr 1824, unter einer Kuppel, durch die das Licht fällt. Die meisten Anwesenden verstehen kein Wort. Sie bleiben trotzdem stehen.
Unter ihren Füßen liegen die Sarkophage einer russischen Zarentochter und eines württembergischen Königs, seit über zweihundert Jahren nebeneinander. In derselben Zeit haben sich die offiziellen Feindbilder ein Dutzend Mal geändert – mal Frankreich, mal Preußen, mal wieder Frankreich, zweimal Russland, einmal fast die ganze Welt.
Über der Tür steht immer noch, was er für sie dorthin schreiben ließ. Die Liebe höret nimmer auf.
Ein Staat mag bestimmen können, wer sein Feind ist. Aber seit wann darf er bestimmen, wer meiner ist?
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