Denken jenseits des
Staates.

ESSAY · HOCHKULTUR

KI lernt man wie ein Handwerk

Die Druckerei meiner Eltern warb mit dem Satz „Wir drucken alles außer Geld“. Ich habe dort erlebt, wie der Desktop-Publishing-Umbruch ein ganzes Handwerk verängstigt hat, und höre heute bei der KI fast wörtlich dieselben Sätze. Ein Essay über Meinungen ohne Erfahrung und über ein Werkzeug, das man lernen muss wie jedes andere.
Hände setzen Drucklettern an einer Werkbank neben einem Laptop; durch das Fenster fällt Morgenlicht auf eine grüne Landschaft.

Vom Fotosatz bis zur künstlichen Intelligenz habe ich mehrere technische Umbrüche miterlebt und mich dabei auch verkalkuliert. Was ich daraus über neue Werkzeuge gelernt habe und warum man sie benutzen sollte, bevor man über sie urteilt.

Ein Satz aus den Neunzigern

Als Kind habe ich in der Druckerei meiner Eltern gearbeitet. Ihr Werbespruch lautete „Wir drucken alles außer Geld“, und in den Achtzigern stand dort ein Faxgerät für zehntausend Mark, auf das mein Vater stolz war, weil kaum jemand in der Gegend so etwas besaß. Es war ein Betrieb, der mit der Zeit gehen wollte, und ich bin mit dieser Haltung aufgewachsen.

In den Neunzigern ging ich dann selbst mit einer neuen Idee zu den Kunden, auch zu den Kunden meines Vaters. Ich wollte ihnen Webseiten verkaufen und erklärte, dass Flyer, Prospekte und Kataloge bald ins Internet wandern würden. Die meisten haben mich für verrückt erklärt, manche haben mich einfach weggeschickt. Einen Satz aus dieser Zeit habe ich bis heute im Ohr. Jemand erklärte mir sehr überzeugt, warum sich das Internet niemals durchsetzen werde: Niemand nehme sich einen Bildschirm mit aufs Scheißhaus.

Man muss dazu sagen, wie ein Bildschirm damals aussah. Es war eine Röhre in einem Kasten, fast so tief wie breit und so schwer, dass man ihn mit beiden Armen tragen musste. Unter diesem Gesichtspunkt hatte der Satz seine Logik, und wer ihn sagte, war nicht dumm. Er stellte sich die Zukunft mit dem Gerät vor, das er kannte, und konnte sich nicht denken, dass aus dem Kasten einmal ein Telefon in der Hosentasche wird, das heute fast jeder mit aufs Klo nimmt. Seine Meinung stand fest, mit der Sicherheit, die man nur hat, solange einem keine Erfahrung dazwischenkommt. An diesen Satz denke ich gerade oft, weil ich ihn in neuer Form wieder höre, diesmal über die künstliche Intelligenz.

Als plötzlich jeder Gestalter war

Den Übergang vom Fotosatz zum Desktop Publishing habe ich aus nächster Nähe erlebt. Bis dahin war Gestaltung ein Handwerk mit eigenen Betrieben. Setzer arbeiteten mit Schriftsätzen, Grafiker entwarfen Layouts, die Druckvorstufe bereitete alles für die Maschine auf, und wer einen Flyer brauchte, brauchte Fachleute. Dann kamen PageMaker, CorelDraw und später Photoshop auf den gewöhnlichen Rechner, und plötzlich konnte jeder gestalten.

Die Setzer fürchteten, dass ihr Können nichts mehr zählt, bald darauf fürchteten es auch Fotografen und Grafiker. „Das ist doch mit Photoshop gemacht“ war ein Satz, mit dem man einem Bild seinen Wert absprach. Für eine Weile schien die Angst recht zu behalten. Es entstand ein Wildwuchs, an den sich jeder erinnert, der damals dabei war, Flyer mit fünf Schriften, Farbverläufe auf jedem Kasten, Cliparts überall und Comic Sans in freier Wildbahn. Millionen Menschen gestalteten, ohne je Gestaltung gelernt zu haben, und ich gehörte dazu. Was ich damals mit Photoshop, CorelDraw und den mitgelieferten Cliparts angestellt habe, würde ich heute niemandem mehr zeigen. Gute Arbeit ging in diesem Lärm des Mittelmaßes unter.

Nach ein paar Jahren drehte sich das Bild. Die Gestalter mit gutem Auge machten am Bildschirm Dinge, die vorher zu teuer oder unmöglich gewesen waren, und gerade weil es so viel Mittelmaß gab, fiel ihre Arbeit auf. Ein Gestalter blieb, wer ein Auge hatte, man erkannte ihn nur an anderen Dingen als früher. Seitdem habe ich dieses Muster bei jeder neuen Technik wiedergesehen, bei den Webbaukästen und bei den sozialen Medien. Erst kommt die Begeisterung, dann der Überfluss und ein Berg aus Mittelmaß, und erst danach wird Qualität wieder sichtbar.

Die falsche Abzweigung

Wie schwer es ist, so einen Umbruch richtig einzuschätzen, habe ich am eigenen Betrieb erlebt. Um die Jahrtausendwende kamen die Online-Druckereien auf. Viele von ihnen druckten gar nicht selbst, sie sammelten Aufträge, setzten viele davon gemeinsam auf einen großen Druckbogen und ließen dort produzieren, wo es am günstigsten war. So konnten sie Preise anbieten, bei denen eine gewöhnliche Druckerei nicht mithielt, und die Qualität zahlte den Preis dafür. Wenn ich heute irgendwo Drucksachen bestelle, kommt manchmal etwas an, das wir damals nicht hätten verkaufen können.

Wir mussten uns entscheiden, welchen Weg wir gehen, und wir haben uns für die Qualität entschieden. Unsere Stammkunden sollten über einen eigenen Online-Zugang ihre Visitenkarten und ihr Briefpapier selbst anlegen können, die Druckdaten sollten automatisch entstehen, und gedruckt hätten wir weiter bei uns. Das hat nicht richtig funktioniert. Die Technik war noch nicht so weit und viel zu teuer, wir haben uns damit verhoben und darüber den Zug der Online-Druckereien komplett verpasst. Später versuchten wir es mit dem, was die Billiganbieter nicht konnten, mit Spezialpapieren, besonderen Druckfarben und aufwendigen Einzelstücken. Aber das Internet drängte das gedruckte Papier immer weiter in die Nische, und auch die Qualität hat uns nicht gerettet. Vor zehn Jahren ging die Druckerei in die Insolvenz.

Die Ironie ist, dass hochwertige Druckkunst heute nach meinem Eindruck wieder gefragt ist und gut bezahlt wird, allerdings beherrschen sie nur noch wenige Betriebe. Mitgenommen habe ich aus dieser Geschichte, dass man sich neue Techniken genau anschauen und überlegen muss, was sich am Markt durchsetzen wird. Vorhersehen kann man das nicht, man kann sich irren, und wir haben uns geirrt. Wer sich aber gar nicht damit beschäftigt, trifft die Entscheidung trotzdem, er merkt es nur nicht.

Dieselben Sätze, dreißig Jahre später

Heute gehen wir mit dem HODL DEIN HOF Navigator und mit No-Till Movement auf Höfe und Unternehmen zu und zeigen ihnen, wie künstliche Intelligenz ihren Arbeitsalltag erleichtern kann. Und wir hören fast wörtlich die Sätze von damals. Das sei ja alles mit KI gemacht, da drücke man auf einen Knopf und fertig, damit wolle man nichts zu tun haben. Für die einen steht der Untergang der Menschheit bevor, und manchmal merkt man den Bildern, die sie dabei im Kopf haben, an, dass sie eher aus dem Kino stammen als aus eigener Erfahrung. Für die anderen ist das Ganze ein überschätztes Spielzeug, das schlechte Texte und falsche Antworten liefert.

In vielen unserer Gespräche stellt sich heraus, dass beide Seiten dieselbe Erfahrung gemacht haben, und zwar eine sehr kurze. Sie haben der Maschine eine Frage gestellt wie einer Suchmaschine und eine Antwort bekommen, die nach nichts schmeckte. Das kenne ich selbst. Fragt man ein Sprachmodell ohne jeden Zusammenhang, ohne eigene Unterlagen und ohne zu sagen, wofür man die Antwort braucht, bekommt man meist etwas Allgemeines und Austauschbares, so etwas wie das Brötchen aus der Großbäckerei, das satt macht und an das sich am nächsten Tag niemand erinnert. Der Rest des Urteils stammt dann oft aus Schlagzeilen, Talkshows und dem, was man im Bekanntenkreis so hört.

Ich will niemandem seine Sorge ausreden. An dieser Technik gibt es genug, worüber man streiten muss, etwa wem die großen Modelle gehören und was mit den Daten geschieht, die wir ihnen geben, und auch die Angst um Arbeitsplätze ist nicht aus der Luft gegriffen. Über ein Werkzeug urteilt man aber besser, nachdem man eine Weile damit gearbeitet hat. Wer sich seine Meinung allein aus der öffentlichen Aufregung holt, macht denselben Fehler wie damals beim Röhrenbildschirm. Er stellt sich die Zukunft mit dem vor, was er kennt, mit einem Chatprogramm, das schwache Antworten gibt, oder mit einem Roboter aus dem Kino.

Was die Maschine machen soll und was die Hand

Was es heißt, mit diesem Werkzeug zu arbeiten, sehe ich am deutlichsten bei den Webseiten. In den knapp dreißig Jahren, in denen ich welche baue, musste ich zwölfmal eine neue Technik lernen, vom handgeschriebenen HTML über CSS und Programme wie Dreamweaver und GoLive bis zu Typo3 und WordPress, das sich selbst vom Blogsystem zum ausgewachsenen Content-Management-System gewandelt hat. Dazwischen kamen die Webbaukästen, und einer davon warb schon früh mit künstlicher Intelligenz. Was dabei herauskam, war so schwach, dass wir uns damals bewusst für WordPress entschieden haben, mit allem, was man dafür lernen musste.

Ich bin Gestalter und kein Programmierer. Vieles, was ich mir für eine Webseite vorgestellt habe, ging deshalb nicht, oder nur mit Freelancern, die ich teuer bezahlen musste. Heute gebe ich vor, wie eine Seite aussehen und was sie können soll, und die KI setzt es mit mir um, technisch sauber und bis in die Suchmaschinenoptimierung hinein, mit Funktionen, die ich mir früher nicht hätte leisten können. Gerade baue ich so eine Seite für einen Kunden, und sie kann Dinge, von denen ich vor drei Jahren nur geträumt hätte.

Leicht ist das trotzdem nicht. Ich muss der Maschine sagen, worum es geht, für wen und in welcher Haltung, ich gebe ihr meine Unterlagen, lese, was sie daraus macht, und schärfe nach, bis es stimmt. Und ich muss wissen, wo sie irrt, denn sie irrt mit derselben ruhigen Stimme, mit der sie recht hat. Einen ersten Entwurf herzustellen, kostet kaum noch etwas. Schwierig bleibt es, aus tausend Möglichkeiten die eine zu erkennen, die etwas taugt. Diese Urteilskraft bleibt beim Menschen, und sie ist genau das, was ein Meister sich über Jahre erwirbt.

Dazu gehört auch die Entscheidung, wofür man das Werkzeug überhaupt benutzt. Ein Text, der Gedanken und Informationen weitergeben soll, gewinnt durch die KI, sie fasst meine Gedanken oft klarer, als ich es in der Eile selbst könnte. Bei einem Gedicht, einem Lied oder einem Bild ziehe ich für mich eine andere Grenze. Kunst ist für mich Handwerk, und dieses Handwerk will ich selbst ausüben, statt es einer Maschine zu überlassen. Ein Video mit KI-Musik zu untermalen, finde ich in Ordnung, die Musik wäre damit für mich aber noch kein eigenes Werk.

Bei meinen Filmen höre ich oft, ich solle sie doch einfach mit KI machen. Ich mache Dokumentarfilme, und eine Dokumentation, deren Wirklichkeit eine Maschine simuliert, dokumentiert nichts mehr. Dafür muss ich mit der Kamera vor Ort sein. Wo mir die Maschine eines Tages helfen könnte, weiß ich dagegen genau. Von drei Tagen auf dem Afuera-Fest komme ich mit rund tausend Clips nach Hause, die gesichtet, sortiert und bewertet werden müssen, bevor überhaupt eine Geschichte entsteht, und danach kommen erst die Struktur und der Feinschnitt. Der neue Afuera-Film, der fertig ist und gerade auf seine Premiere wartet, hat mich sechs Wochen täglicher Arbeit gekostet, ganz ohne KI. Für diese Arbeit sind die Werkzeuge bisher zu schwach, aber sie kommen langsam dorthin, und ich warte darauf.

Zu unterscheiden, was die Maschine machen soll und was die Hand, ist vielleicht die eigentliche Aufgabe dieser Jahre.

Mein eigener Müllberg

Ich sage das alles nicht als jemand, der von Anfang an wusste, wie es geht. Als ich mit KI anfing, habe ich genau das gemacht, was ich heute bei anderen sehe. Ich hatte eine Idee, schrieb ein paar Sätze dazu, ließ die Maschine daraus einen Text bauen und veröffentlichte ihn. Die ersten KI-Texte auf dieser Website sind so entstanden, und jeder kann sie nachlesen, denn ich habe nichts gelöscht. Es ist viel Müll darunter. Ähnlich ist es mit unseren vier Büchern, die wir selbst Pamphlete genannt haben und die ebenfalls mit KI entstanden sind. Zu ihrem Inhalt stehe ich bis heute, sprachlich und im Aufbau sind sie aber verbesserungswürdig. Ich schäme mich nicht dafür. Sie zeigen, was die Maschinen damals konnten und wo ich selbst stand, und jeder kann selbst beurteilen, was er davon hält. Damals fand ich das großartig. Ich war in derselben Euphorie wie in den Neunzigern mit CorelDraw, PageMaker und meinen Cliparts, eine neue Technik war da, und ich habe sie sofort benutzt.

Bereut habe ich das trotzdem nicht. Zum Lernen gehört, dass man etwas tut, es zeigt und Rückmeldung bekommt, weil man in der eigenen Begeisterung oft blind dafür ist, was man gerade herstellt. Hochkultur ist nie mit dem Anspruch angetreten, die Wahrheit zu kennen. Wir wollten herausfinden, welches Denken und welches Handeln eine Hochkultur braucht, und Wirklichkeit entsteht nur durch Handeln. Deshalb ist diese Seite seit zwei Jahren auch eine Versuchswerkstatt, und man kann ihr ansehen, wie wir dazugelernt haben.

Auch dieser Text ist mit KI entstanden, nur anders. Am Anfang standen meine Erinnerungen und meine These, als Sprachnachrichten diktiert. Daraus haben wir in vielen Runden einen Entwurf entwickelt, den ich gelesen, korrigiert und umgebaut habe, bis er sagt, was ich sagen will. Ich arbeite dabei mit drei Modellen, ChatGPT, Claude und Gemini. Wie es ohne geht, wissen wir auch. Anja hat zehn Jahre lang Paleo360 gemacht, wir haben fünf Jahre lang Soilify betrieben, und ich habe ungefähr zweitausend Webseiten gebaut, alles ohne KI.

Am deutlichsten sehe ich den Unterschied auf den Höfen. Jahrelang haben wir versucht, Landwirten beim Umstieg auf konservierende oder regenerative Landwirtschaft zu helfen, so dass sich die Umstellung auch rechnet, und es ist uns kaum gelungen. Das Wissen war da, in Studien, Fachartikeln und unzähligen Videos, aber kaum ein Bauer hat die Zeit, das für seinen Betrieb Wichtige herauszusuchen, und der Schritt vom Wissen zur Umsetzung auf dem eigenen Acker blieb das eigentliche Problem. Mit dem Navigator, unserer Wissensbasis, die über Jahre aus der Arbeit mit Soilify, aus Gesprächen mit Landwirten und Fachleuten und aus unserer Beschäftigung mit Geld gewachsen ist, kommen wir diesem Schritt zum ersten Mal nahe. Garantieren kann niemand etwas, weil jeder Boden anders ist. Wir haben einmal grob überschlagen, wie viele Leute wir ohne KI gebraucht hätten, um die Inhalte zu erarbeiten, und wie viele Entwickler, um die Datenbank dahinter zu bauen. Wir kamen auf über tausend Personentage, bei einem Tagessatz von tausend Euro also mehr als eine Million Euro. Ohne die Maschine gäbe es sie nicht.

Der Traum vom sprechenden Computer

Meinen ersten Computer bekam ich mit acht Jahren, einen Schneider CPC. Zwei, drei Jahre später kam ein Atari 1040 ST, und auch damit habe ich ziemlich viel Unsinn gemacht. Ich hatte damals Träume, die mir selbst verrückt vorkamen. Ich wollte über den Computer mit anderen Menschen sprechen, am liebsten mit Bild, und ich wünschte mir einen kleinen Fernseher, auf dem ich überall alle Filme der Welt anschauen kann. Beides ist längst Alltag.

Mein größter Traum war ein anderer. Ich wollte dem Computer sagen, was er tun soll, und er sollte es besser machen, als ich es kann, damit ich nicht den ganzen Tag vor Tastatur, Maus und Bildschirm sitzen muss. Dieser Traum erfüllt sich gerade, und mir kommt das, was da passiert, oft noch unwirklich vor. Ich lerne, teste und probiere, wie damals mit acht.

Der Mann aus den Neunzigern hatte übrigens in einem Punkt recht. Mit dem Bildschirm wollte er nicht auf dem Klo sitzen, und heute sitzen wir fast überall vor ihm, vom Klo bis zum Küchentisch voller Formulare. Zum ersten Mal gibt es eine Maschine, die uns helfen kann, wieder von ihm aufzuschauen, zum Acker und in die Werkstatt. Ob wir das tun, entscheidet keine Maschine. Das lernt man nur, indem man es tut.

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