Über dreißig Jahre Suche, drei Lehren und die Frage, warum jemand, der mit Bitcoin und Landwirtschaft arbeitet, jeden Tag „Ein Kurs in Wundern“ übt
Ein Buch, das ich nicht verstanden habe
Mit neunzehn habe ich angefangen, alles zu lesen, was mir an spirituellen Lehren in die Hände fiel, und irgendwann in diesen frühen Jahren lag auch ein schmales Buch von Thaddeus Golas auf meinem Tisch: „Der Erleuchtung ist es egal, wie du sie erlangst“. Ich habe es gelesen, weggelegt und nicht begriffen, was der Mann von mir wollte. Heute glaube ich den Grund zu kennen. Golas‘ ganze Botschaft passt in einen Satz, nämlich dass man so viel lieben soll, wie man kann, von dort aus, wo man gerade steht, und dass jeder Versuch, sich die Erleuchtung zu erkämpfen, einen nur enger macht. Für einen jungen Mann, der die Welt erobern will, ist das eine ziemliche Zumutung. Man will ja etwas tun, etwas erreichen, und da kommt einer und sagt, man solle sich vor allem nicht so anstrengen.
Es hat dreißig Jahre und zwei weitere Lehrer gebraucht, bis ich verstanden habe, dass er recht hatte.
Die Welt als Computerspiel
Vor gut zehn Jahren steckte ich in einer tiefen Krise. Ich hatte sehr früh Kinder bekommen, und als sie nach und nach aus dem Haus gingen, stand ich da und wusste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Die Aufgabe, die mich so lange getragen hatte, war erfüllt, und an ihre Stelle trat eine Leere, die sich mit keinem Plan füllen ließ. Ausgerechnet in dieser Zeit erzählte mir meine Tätowiererin von Thomas Campbell. Campbell ist Physiker, und sein Buch „My Big TOE“ ist der Versuch, eine Theorie von allem zu schreiben, in der das Bewusstsein am Anfang steht und die Materie erst danach kommt. Die physische Welt ist bei ihm eine Art virtuelle Realität, ein Trainingsraum, den ein größeres Bewusstsein für uns berechnet, damit wir darin etwas lernen.
Diese Idee hat bei mir sofort eingeschlagen. Wenn das hier eine Art Spiel ist, dann ist vieles von dem, was mich jahrelang umgetrieben hat, deutlich weniger tragisch, als ich dachte. Die materiellen Ziele, hinter denen ich hergehechelt war, verloren ihren Griff, und die Dinge, über die ich mich aufregte, verloren einen Teil ihrer Macht. Übrig blieb eine einzige Frage, die mich seitdem begleitet: Wie gehe ich mit dem um, was gerade passiert?
Campbell hat dafür ein Wort, das zunächst sperrig klingt. Er spricht von Entropie, und gemeint ist das Maß an Unordnung in einem System. Angst, Ego, Kontrolle und Gewalt erhöhen sie, Fürsorge, Kooperation und Liebe senken sie, und der Sinn unseres Daseins besteht nach Campbell darin, sie Schritt für Schritt zu verringern. Im Alltag heißt das, bei jedem Ärger kurz innezuhalten und sich zu fragen, ob die eigene Reaktion gerade Chaos in die Welt bringt oder ein Stück Ordnung. Für jemanden, der ein Unternehmen führt, klingt das fast nach Betriebswirtschaft, und vielleicht hat es mich deshalb so erreicht.
Trotzdem bin ich damit immer wieder an eine Grenze gestoßen. Die Einsicht saß im Kopf, doch wenn der Mangel zuschlug, half mir das Wissen um die virtuelle Realität nur bedingt weiter.
Dann kam der Kurs
2019 kam „Ein Kurs in Wundern“ in mein Leben, und zwar über Gottfried Sumser, dessen Seminare ich besucht habe und dessen Sprachnachrichten ich bis heute jeden Tag in seiner Telegram-Gruppe höre. Angetrieben hat mich damals etwas sehr Handfestes: Ich war im Mangel, und das Geld reichte nie. Jeder Mensch hat vermutlich seinen eigenen Mangel, bei dem einen ist es die Gesundheit, bei der nächsten die Beziehung, bei mir war es das Geld. Und mir fiel schnell auf, wie viele Unternehmer und Selbstständige in dieser Gruppe saßen, Leute mit Betrieben und Verantwortung, die dort offenbar etwas fanden, das ihnen im Alltag half.
Kurz danach kam Corona, und mein Leben stellte sich auf den Kopf. Wir haben Soilify gegründet, die Landwirtschaft kennengelernt, Filme gemacht, und kaum etwas ist geblieben, wie es war. Was davon Ursache war und was Wirkung, weiß ich bis heute nicht. Ich bin inzwischen ganz froh, dass ich es nicht weiß.
Der Kurs ist die radikalste Lehre, der ich in dreißig Jahren begegnet bin. Campbell hält die Welt für einen sinnvoll gebauten Trainingsraum, Golas für ein Kontinuum von Zuständen, in dem alles erlaubt ist. Der Kurs geht weiter und sagt, dass diese Welt gar nicht von Gott geschaffen wurde, dass sie aus dem Gedanken der Trennung entstanden ist und dass nichts von dem, was uns hier bedroht, wirklich ist. Gleich in der Einleitung steht: „Nichts Wirkliches kann bedroht werden. Nichts Unwirkliches existiert.“ Konsequenter kann man es kaum formulieren.
Viele stolpern über die Sprache, über Gott, den Heiligen Geist und Jesus, und ich verstehe das gut. Man kann darüber hinwegkommen. Die Worte sind Werkzeuge, und wer sich an ihnen festhält, sei es aus Ablehnung oder aus Frömmigkeit, verpasst leicht, was damit gemeint ist.
Das heimliche Überlegenheitsgefühl des Opfers
Die einunddreißigste Lektion im Übungsbuch lautet: „Ich bin nicht das Opfer der Welt, die ich sehe.“ Kein Satz hat mein Leben so verändert wie dieser.
Mir fällt immer wieder auf, wie tief die Opferhaltung in uns allen sitzt und wie unbemerkt sie bleibt. Dabei hat sie eine Seite, über die kaum jemand spricht: Wer sich als Opfer sieht, erhebt sich heimlich über die anderen. Er ist der Gute, dem Unrecht geschieht, und er braucht einen Täter, damit diese Rolle bestehen bleibt. Genau daraus entsteht ein großer Teil der Konflikte, die wir dann beklagen.
Wer mit Landwirten spricht, hört diese Geschichte oft, und sie hat einen wahren Kern. Bürokratie, Preisdruck und Handelsketten machen vielen Höfen das Leben schwer. In der Bitcoin-Welt erzählt man sich eine verwandte Geschichte vom Sparer, den das Geldsystem still enteignet, und auch sie stimmt in vielem. Nur kann man sich in beiden Geschichten einrichten, und dann bestimmen die anderen, wie es einem geht.
Ich kenne diese Rolle sehr gut, gerade beim Geld. Der Kurs hat mir gezeigt, dass ich jederzeit wählen kann, wie ich die Welt wahrnehme. Will ich mich aufregen, oder will ich Frieden sehen? David Hoffmeister, ein anderer Lehrer des Kurses, sagt dazu einfach „Focus on the joy“. Campbell würde es anders ausdrücken und sagen, dass ich mich in diesem Moment entscheide, die Entropie zu senken. Ich finde es bemerkenswert, wie zwei so verschiedene Sprachen an derselben Stelle ankommen.
Lektionen statt Niederlagen
Ich will hier keinen falschen Eindruck erwecken. Ich bin weder erlöst noch heilig, das Mangeldenken meldet sich regelmäßig, und Geldprobleme habe ich auch heute noch. Bei unserer Arbeit mit Bitcoin und Landwirtschaft stoßen wir auf Widerstände, die einen manchmal verzweifeln lassen könnten. Verändert hat sich die Art, wie ich damit umgehe. Im Kurs heißt es: „Alle Dinge sind Lektionen, die Gott mich lernen lassen will.“ Seit ich die Widerstände so betrachte, verlieren sie ihren Stachel. Sie tun manchmal noch weh, doch sie bedeuten nicht mehr, dass die Welt gegen mich ist.
Früher war ich ständig auf der Suche nach der einen Geschäftsidee. Ich habe gegrübelt, was funktionieren könnte, und bin darüber regelrecht verzweifelt, weil mir entweder nichts einfiel oder das, was mir einfiel, am Ende nicht trug. Daran hat sich, ehrlich gesagt, wenig geändert, denn die meisten meiner Ideen funktionieren bis heute nicht. Verändert hat sich, wie ich damit lebe. Ich denke jeden Tag mit Freude darüber nach, was man tun könnte, und wenn eine Idee scheitert, nehme ich sie als die nächste Lektion. Ob ich an einer Lage verzweifle oder Spaß an ihr habe, entscheide ich selbst, und die Lage ist in beiden Fällen dieselbe.
Mit den Bildern vom guten Leben ging es mir ähnlich. Ich hatte feste Vorstellungen davon, was ich brauche, ein großes Haus, einen bestimmten Ort, am besten noch ein Ferienhaus. Heute spielt das kaum noch eine Rolle. Was in mein Leben gehört, findet seinen Weg dorthin, ohne dass ich dafür die ganze Welt umbauen muss. Ich weiß, wie dieser Satz auf manche wirkt, und ich meine ihn ohne jedes Versprechen. Er beschreibt nur, dass ich aufgehört habe, dem Leben eine Wunschliste vorzuhalten und es daran zu messen.
Nur dieser eine Tag
Das Leben hat mir spät noch einmal ein Kind geschenkt, unter Umständen, die man ungewöhnlich nennen muss und an denen viele Menschen verzweifeln oder sogar zerbrechen würden. Auch ich habe damit zu tun, manchmal mehr, als mir lieb ist. Und trotzdem gehe ich heute anders durch meine Tage als damals, als die ersten Kinder aus dem Haus gingen. Ich nehme jeden Tag als neue Lektion, folge dem Weg, der sich gerade zeigt, und entscheide mich jeden Morgen neu, mit wenig Angst vor der Zukunft und ohne der Vergangenheit nachzutrauern.
Wenn ich eine Einsicht nennen müsste, in der sich alle drei Lehren treffen, dann diese: Wirklich existiert nur die Gegenwart, und selbst bei ihr darf man Zweifel haben. Campbell würde, so wie ich ihn verstehe, sagen, dass Vergangenheit und Zukunft gar nicht gerendert werden, weil ein vernünftiges System keine Rechenzeit an etwas verschwendet, das gerade niemand erlebt. Der Kurs geht auch hier weiter und erklärt die Zeit insgesamt zu einem Teil des Traums. Wirklich ist nur der Geist, und der Ort, an dem man das erkennen kann, ist der heilige Augenblick, dieser eine Moment, in dem man aufhört, sich von gestern und morgen bestimmen zu lassen. Golas hat es am einfachsten gesagt: Man liebt von dort aus, wo man gerade steht, weil es einen anderen Ort ohnehin nicht gibt.
Die Sorge um die Zukunft und das Hadern mit der Vergangenheit fressen einen erstaunlich großen Teil unserer Kraft. Wer einen Betrieb führt, kennt die Nächte, in denen man Szenarien durchrechnet, die nie eintreten, und Entscheidungen bereut, die sich längst nicht mehr ändern lassen. Nichts davon findet in der Gegenwart statt, und doch bestimmt es, wie wir uns in ihr fühlen.
Was ein Acker darüber weiß
Seit wir uns mit Landwirtschaft beschäftigen, habe ich ein Bild dafür gefunden, das mir mehr sagt als jede Theorie. Humus lässt sich nicht erzwingen. Ein Boden, den man Jahr für Jahr umbricht, verliert genau das Leben, das ihn fruchtbar macht, und er baut sich erst wieder auf, wenn man aufhört, ständig in ihn einzugreifen, und stattdessen gute Bedingungen schafft. Golas hätte das vermutlich verstanden, und der Neunzehnjährige, der sein Buch damals weggelegt hat, hätte es bestimmt gebraucht.
Mit dem eigenen Geist verhält es sich ganz ähnlich. Jeder Ärger, den ich festhalte, und jede Sorge, die ich nachts wieder und wieder durchpflüge, reißt eine Krume auf, die sich gerade erst zu setzen begann. Der Frieden, von dem der Kurs spricht, wächst so langsam wie Humus, von unten und im Verborgenen, und er gedeiht vor allem dort, wo man ihn nicht ständig umgräbt. Eine Lektion im Übungsbuch trägt den Titel „Ich könnte stattdessen Frieden sehen“, und genau diese Möglichkeit steht jedes Mal im Raum, wenn mich morgens eine Nachricht ärgert, wenn eine Idee platzt oder das Konto wieder knapp wird. In diesem Moment kann ich zum Pflug greifen, oder ich lasse den Boden in Ruhe arbeiten.
Ich wähle den Frieden Gottes. Ich übe das jeden Tag, zwischen Kundenprojekten, Hofbesuchen und Bitcoin-Kursen, und Campbell und Golas laufen dabei immer noch mit. Es gelingt mir längst nicht immer beim ersten Anlauf, manchmal erst am Abend, und am nächsten Morgen beginnt alles wieder von vorn. Das hat mich lange gestört, bis ich verstanden habe, dass darin die eigentliche Freiheit liegt. Keine Entscheidung von gestern bindet mich, und keine Sorge um morgen kann mir diese Wahl abnehmen. Es gibt nur diesen Augenblick, und in ihm wähle ich neu.
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