Eine Dorfkäserei meldet Insolvenz an. In der Zeitung steht etwas von Listerien, Rückrufen und verschärften europäischen Vorschriften. Man liest es, bedauert es vielleicht und blättert weiter.
Wir können das nicht.
Wir kennen die Dorfkäserei Geifertshofen seit vielen Jahren, kennen die Landwirtschaft, deren Milch dort verarbeitet wird, und wissen, welche Arbeit hinter guter Bio-Heumilch steckt. Für uns hat diese Nachricht Gesichter. Sie betrifft Menschen, deren Arbeit wir schätzen, und Lebensmittel, die wir lieben.
Nach Listerienbefunden und umfangreichen Rückrufen hat die Käserei Insolvenz angemeldet. Der Zeitungsbericht beschreibt, wie Warenbestände, Umsätze und zusätzliche Kosten zusammen eine wirtschaftliche Katastrophe auslösen. Auch die verschärften europäischen Anforderungen spielen nach der dort wiedergegebenen Darstellung des Unternehmens eine Rolle.
Mich macht das wütend. Und diese Wut reicht weiter als bis zur nächsten Vorschrift.
Denn dahinter steht eine Frage, die wir viel zu selten stellen: Was für ein Leben wollen wir eigentlich? Und verstehen wir noch, wodurch es entsteht?
Wir waren über Jahre auf landwirtschaftlichen Betrieben unterwegs, von Lettland bis Portugal. Wir haben mit Menschen gesprochen, die Böden aufbauen, Tiere halten und Lebensmittel herstellen. Menschen, deren Wissen aus täglicher Arbeit kommt. Die die Folgen ihrer Entscheidungen sehen, riechen, anfassen und im nächsten Jahr wieder vor sich haben.
Aus dieser Arbeit haben wir einen Gedanken mitgenommen, der uns seitdem begleitet:
„Der Bazillus ist nichts, das Milieu ist alles.“
Auch in unserem PLOCHER-Film spielt dieser Blick auf das Milieu eine Rolle. Der Satz ist eine Provokation gegen die Gewohnheit, ein einzelnes Teil herauszugreifen und darin schon die ganze Erklärung zu sehen — einen Keim etwa, der aufgespürt und zum Schuldigen erklärt wird, während niemand mehr fragt, was um ihn herum eigentlich passiert ist.
Aber wie ist der Zustand entstanden, und welche Bedingungen haben ihn begünstigt? Diese Frage verlangt mehr als die Identifikation eines Gegners — sie verlangt zu verstehen, was das ganze System stärkt oder schwächt.
Ein lebendiger Boden besteht aus Beziehungen. Aus Organismen, organischem Material, Wasser, Luft, Wurzeln und unzähligen Wechselwirkungen. Wer ihn bewirtschaftet, greift in diese Beziehungen ein. Er kann die Voraussetzungen für Fruchtbarkeit verbessern oder verschlechtern.
Das ist für uns der Kerngedanke regenerativer Landwirtschaft: die Bedingungen schaffen, unter denen sich Leben entwickeln und erneuern kann.
Auch beim Käsen arbeiten Menschen mit Leben. Kulturen, Reifung, Temperatur, Feuchtigkeit und Zeit gehören zum Handwerk. Wer das beherrscht, besitzt ein Können, das sich über Erfahrung entwickelt. Eine Checkliste kann einzelne Arbeitsschritte erfassen. Sie ersetzt dieses Können nicht.
Mikroorganismen pauschal mit Schmutz und Gefahr gleichzusetzen, verkennt deshalb schon die Herstellung vieler unserer Lebensmittel. Zugleich macht eine Funktion in der Natur einen Organismus nicht automatisch ungefährlich für den Menschen. Das Milieu gibt den Ausschlag; es ist kein magischer Schutzschild.
Für mich folgt daraus vor allem ein anderer Anspruch an unseren Umgang mit Lebensmitteln: Wir müssen verstehen, was Gesundheit und Qualität hervorbringt. Wer ausschließlich Gefahren zählt, hat diese Frage noch lange nicht beantwortet.
Ein Grenzwert sagt etwas Bestimmtes aus. Über die gesamte Qualität eines Lebensmittels sagt er nicht alles — er erzählt wenig über den Boden, von dem das Futter stammt, über die Haltung der Tiere oder die Sorgfalt des Bauern, wenig über den Geschmack und noch weniger über das Können eines Käsers und darüber, ob es dieses Können in zwanzig Jahren noch gibt.
Und trotzdem besitzt die Vorschrift die Macht, über die wirtschaftliche Existenz all dessen mitzuentscheiden.
Und genau dort beginnt für mich das eigentliche Problem.
Ich halte eine Regel nicht schon deshalb für sinnvoll, weil sie staatlich beschlossen wurde. Auch die Überschrift „Verbraucherschutz“ beendet für mich keine Diskussion. Wer anderen Menschen verbindliche Vorgaben macht, muss sich an deren Folgen messen lassen. An den beabsichtigten und an denen, die in der politischen Begründung nicht vorkommen.
Eine Untersuchung kostet Geld, die Dokumentation dazu kostet Zeit, und wenn ein Nachweis nicht ausreicht, muss er neu erbracht werden. Ein Rückruf kann einem Betrieb innerhalb kürzester Zeit die wirtschaftliche Grundlage entziehen.
Große Produktionsmengen verteilen feste Kosten anders als kleine. Finanzielle Reserven entscheiden mit darüber, wer einen Ausfall übersteht. Eine formal gleiche Anforderung kann deshalb höchst ungleiche Folgen haben.
Das steht in keinem Regionalitätsprospekt. Es entscheidet trotzdem darüber, ob die regionale Käserei morgen noch existiert.
Dabei muss niemand ausdrücklich beschließen, kleine Hersteller abzuschaffen. Es genügt, Bedingungen zu schaffen, unter denen sie nicht mehr bestehen können. Hinterher wird ihre Aufgabe als Marktgeschehen verbucht. Als hätte die Politik damit nichts zu tun.
Besonders bitter wird es dort, wo zur Vorschrift eine Verwaltungskultur kommt, die Härte mit Gewissenhaftigkeit verwechselt.
Auf unseren Reisen durch Europa haben wir den Umgang mit Landwirtschaft und Vorgaben sehr unterschiedlich erlebt. Unser Eindruck aus diesen Begegnungen: In Deutschland trifft man besonders häufig auf den Ehrgeiz, auch noch die letzte Unsicherheit administrativ auszuschließen.
Diese Hundertfünfzigprozentigkeit halte ich für ein Problem.
Wo tatsächlich Spielräume bestehen, zählt, mit welchem Ziel sie genutzt werden. Sucht eine Behörde eine tragfähige Lösung? Oder die Entscheidung, mit der sie selbst am wenigsten angreifbar ist? Wird Verantwortung übernommen – oder durch die nächste Anforderung weitergereicht?
Der Betrieb bekommt die Rechnung für diese Absicherung. Er muss sie bezahlen, während er gleichzeitig melkt, verarbeitet, verkauft und seine Mitarbeiter beschäftigt.
Im konkreten Fall Geifertshofen muss geprüft werden, welche Entscheidungen zwingend waren und welche Möglichkeiten bestanden. Die Zeitung allein beantwortet das nicht. Aber die grundsätzliche Kritik an einer solchen Verwaltungskultur steht deshalb nicht unter Vorbehalt.
Ich will keine Gesellschaft, in der jeder eigene Umgang mit Unsicherheit zunächst als verdächtig gilt und Erfahrung erst dann zählt, wenn sie in die vorgesehene Dokumentation passt. Eine Gesellschaft, in der Menschen immer weniger entscheiden dürfen, aber die wirtschaftlichen Folgen sämtlicher Entscheidungen anderer tragen müssen, will ich erst recht nicht.
Für mich gehört auch das zur Lebendigkeit: Eigenständigkeit und Urteilsvermögen, die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen, und die Möglichkeit, etwas zu versuchen und aus Erfahrung zu lernen.
Viktor Schauberger griff in „Unsere sinnlose Arbeit“ eine Technik an, die nach seiner Auffassung natürliche Zusammenhänge missachtet und damit ihre eigenen Lebensgrundlagen beschädigt. Mich beschäftigt daran die Frage nach der Richtung unseres Könnens: Was bauen wir mit all unserer Arbeit auf? Was zerstören wir dabei?
Bei Andreas Tiedtkes „Der Kompass zum lebendigen Leben“ kommt die gesellschaftliche Ebene hinzu: menschliches Handeln, freiwilliges Zusammenleben und die Frage, wie Menschen miteinander umgehen. Auch aus unserem Gespräch mit ihm nehmen wir diese Frage mit in unseren Alltag.
Für mich treffen sich diese Gedanken dort, wo aus Fürsorge Bevormundung wird und aus Organisation Erstarrung.
Man kann ein Gemeinwesen so gründlich absichern wollen, dass man den Menschen die Luft zum Handeln nimmt, und gleichzeitig Regionalität fördern, während man die Bedingungen verschlechtert, unter denen regionale Betriebe überhaupt arbeiten können. Man kann Vielfalt auf Plakate drucken, während genau die wirtschaftlichen Voraussetzungen verschwinden, die Vielfalt erst möglich machen.
Dann funktioniert vielleicht noch das Verfahren. Das Leben dahinter verkümmert.
Die Dorfkäserei Geifertshofen ist für uns der Anlass, genau darüber zu sprechen. Ihre Insolvenz beweist nicht jede unserer politischen Überzeugungen. Sie zwingt uns aber, die Folgen der bestehenden Ordnung an einem wirklichen Betrieb zu betrachten.
Dort stehen Menschen, Milch und gereifter Käse, und dort zeigt sich, was politische Begriffe außerhalb von Pressemitteilungen wert sind – wenn Rechnungen bezahlt und echte Entscheidungen getroffen werden müssen.
Eine Ordnung, unter der kleine Lebensmittelhandwerker ihre Existenz verlieren, muss sich dafür rechtfertigen – der Verweis auf ihre guten Absichten reicht nicht. Aber das ist nur die wirtschaftliche Seite. Dahinter steht die tiefere Frage: Wir brauchen ein Verständnis von Lebensmittelqualität, das die Entstehung, die Beziehungen und das handwerkliche Können ernst nimmt. Sicherheit gehört dazu, sie beantwortet aber nicht allein, was uns gut ernährt und welche Landwirtschaft wir erhalten wollen.
Ich will Lebensmittel von Menschen, deren Arbeit ich schätze, eine Landwirtschaft, die ihre Lebensgrundlagen verbessert, Hersteller, die eigenständig bleiben können, und Verbraucher, denen man eigene Entscheidungen zutraut.
Daran messe ich eine Ordnung.
Was lässt sie wachsen — und was geht unter ihr zugrunde?
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