Warum wir die bäuerlichen Familienbetriebe bewahren müssen
Zwei Männer auf einem Hof
Wer einmal versucht hat, ein Interview mit einem Menschen zu führen, mit dem man keine gemeinsame Sprache hat, weiß, wie das abläuft. Man lächelt viel, man zeigt auf Dinge, man wiederholt dieselbe Frage langsamer und lauter, als würde das etwas nützen. So ungefähr lief es in den Pyrenäen, auf dem Hof eines Bauern, den Aukse, Anja und ich für unsere Videos besucht haben. Er war Ende vierzig, stand mitten im Leben, und sein Hof lief. Er sprach Katalanisch, und zwar nur Katalanisch. Spanisch konnte er kaum, Englisch gar nicht.
Man denkt bei so etwas an die ganz Alten, an eine Großmutter in einem abgelegenen Tal, die nie etwas anderes gelernt hat. Dieser Mann lebt mitten in einem modernen europäischen Staat, dessen Amtssprache er kaum beherrscht, und ihm fehlte nichts. Gefehlt hat an diesem Tag eher uns etwas.
Ich komme aus Württemberg, und Hochdeutsch war für mich immer eine Art Fremdsprache, etwas, das man in der Schule lernt und das nie so sitzt wie die Sprache, mit der man aufgewachsen ist. Auf diesem Hof stand mir ein Mann gegenüber, der sich seine Fremdsprache nie hat überstülpen lassen. Diese Begegnung ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen.
Sechs Jahre waren wir auf Höfen unterwegs, in Deutschland, in Frankreich, in Portugal und in Spanien, und im Rückblick zieht sich eine Beobachtung durch alles, was wir gesehen haben. Wo standardisiert wird, verarmt etwas, der Boden unter dem Einheitsacker genauso wie das Essen auf dem Teller und die Sprache, in der Menschen miteinander reden. Und wo noch etwas Eigenes lebt, hängt es an einem Hof und an einer Familie, die geblieben ist.
Der Holzschuh
Stellen wir uns ein Klassenzimmer in der Bretagne vor, irgendwann gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Ein Junge flüstert seinem Nachbarn etwas zu, auf Bretonisch, so wie zu Hause am Küchentisch. Der Lehrer hört es, und der Junge bekommt ein Schandzeichen um den Hals gehängt, ein Stück Holz oder einen alten Holzschuh, le symbole. Loswerden kann er das Ding nur auf eine Weise: Er muss ein anderes Kind erwischen, das Bretonisch spricht, und es verpetzen. So lernten Kinder in den Schulen der Republik, einander zu verraten, weil sie redeten wie ihre Großmütter.
Das war kein Randphänomen. Der Historiker Eugen Weber hat in Peasants into Frenchmen, aus Bauern werden Franzosen, gezeigt, dass noch 1863 fast ein Viertel der Menschen in Frankreich kein Französisch sprach. Man sprach Bretonisch, Okzitanisch, Baskisch, Katalanisch, Elsässisch oder einen Patois, den man zwei Täler weiter schon nicht mehr verstand. Zu Franzosen wurden diese Menschen erst gemacht, durch Schule und Wehrpflicht. Die Okzitanen haben für das, was dabei in den Köpfen geschah, ein eigenes Wort, vergonha, die Scham. Eine Generation lernte, sich für die Sprache ihrer Eltern zu schämen, und brachte sie den eigenen Kindern nicht mehr bei. So stirbt eine Sprache, ganz leise am Küchentisch.
Mit ihr sterben die Wörter für die Dinge eines Ortes, die Flurnamen, der Name für den Wind, der nur in diesem Tal weht, die Ausdrücke, mit denen man hier einen Käse beschreibt oder einen schweren Boden. Übrig bleibt eine Sprache, in der man sich überall verständigen kann und in der man nirgends mehr ganz zu Hause ist.
Bei uns lief es ohne Holzschuh, aber in dieselbe Richtung. Was wir Hochdeutsch nennen, ist eine Standardsprache, gewachsen aus Schrift und Kanzlei und verbreitet über Schule und Rundfunk. Sprachwissenschaftlich gehört das Schwäbische sogar selbst zum Hochdeutschen, weil der Begriff ursprünglich die Mundarten im höher gelegenen Süden des Sprachraums meint. Was im Klassenzimmer gelehrt wird, ist Standarddeutsch, und dieser Standard wurde über die Mundarten gelegt, die vorher da waren.
Ein Staat kommt mit Millionen Menschen leichter zurecht, wenn sie dieselbe Sprache sprechen, dieselben Formulare ausfüllen, nach denselben Kategorien erfasst und nach denselben Regeln besteuert werden. Was sich aus der Ferne verwalten lassen soll, muss sich ähnlich genug sein. Diese Logik endet nicht an der Schultür, und am handgreiflichsten wird sie beim Essen.
Die meinen es nicht gut mit uns
In jeder Debatte über Landwirtschaft fällt irgendwann derselbe Satz, meist in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet: Die industrielle Landwirtschaft muss sein, denn sie ernährt die Welt. Wer diesen Satz prüfen will, braucht keine Studie. Ein Gang durch den nächsten Supermarkt genügt.
Man schiebt den Wagen an meterlangen Regalen vorbei. Frühstücksflocken in allen Farben, Softdrinks, Chips, Fertigpizza, Kekse, Brotaufstriche, Joghurts mit mehr Zutaten als ein Kuchenrezept. Dreht man die Packungen um, liest man immer wieder dieselben Wörter, Zucker, Glukosesirup, Weizenmehl, Palmfett, Sonnenblumenöl, dazu eine Reihe von Stoffen mit Nummern. Das ist das, was aus Mais, Weizen, Raps und Zuckerrüben wird, wenn es durch die Industrie gegangen ist. Es sind Kalorien, und mit Nahrung im eigentlichen Sinn haben sie wenig zu tun. Nach verschiedenen Schätzungen stammen in Deutschland inzwischen 40 Prozent oder mehr der verzehrten Kalorien aus solchen hochverarbeiteten Produkten.
Was sie anrichten, ist gut dokumentiert. Eine große Übersichtsarbeit im British Medical Journal hat 2024 die Daten von fast zehn Millionen Menschen ausgewertet und hochverarbeitete Lebensmittel mit 32 Gesundheitsschäden in Verbindung gebracht, von Herz-Kreislauf-Tod über Typ-2-Diabetes bis zu Depression und Angststörungen.
Wer lange genug durch diese Gänge läuft, dem drängt sich ein Gedanke auf, den man nicht gern ausspricht. Die Leute, die das herstellen und verkaufen, meinen es nicht gut mit uns. Ich meine das genau so, wie ich es sage. Sie meinen es gut mit ihrer Marge.
Im Hofladen beim Bauern um die Ecke oder beim Metzger, der noch weiß, woher seine Tiere kommen, ist das Angebot kleiner, und was es gibt, hängt von der Jahreszeit ab. Dafür hat das Brot vier Zutaten, und die Wurst ist Wurst. Der meint es gut mit einem, und er hat allen Grund dazu. Er sieht seine Kunden wieder, am nächsten Samstag im Laden, beim Fest im Dorf, beim Elternabend. Wer einem Menschen, den er morgen wieder trifft, schlechte Ware verkauft, verkauft sie ihm genau einmal. Dort gibt es echte Lebensmittel, lebendige Lebensmittel, und der Unterschied zum Supermarkt ist der zwischen etwas, das nährt, und etwas, das nur satt macht.
Und wer ernährt nun die Welt? Nach einer Auswertung der Welternährungsorganisation FAO von 2021 bewirtschaften Höfe unter zwei Hektar nur etwa 12 Prozent der Agrarfläche der Welt und erzeugen trotzdem rund ein Drittel ihrer Lebensmittel. Was dagegen auf den Einheitsäckern wächst, findet sich auf den Zutatenlisten wieder, die wir eben gelesen haben, als Weizenmehl, als Zucker aus Rüben, als Glukosesirup aus Mais und als Öl aus Raps.
Meine These ist deshalb eine andere als die übliche. Die standardisierte, industrialisierte Landwirtschaft ernährt die Welt nicht, sie macht sie krank.
Standardweizen
Wer ein paar Jahre über Höfe gezogen ist, lernt vor allem eines: Der Boden ist überall anders. Er folgt überall denselben Prinzipien, Pilze, Bakterien und Würmer brauchen lebende Wurzeln und eine schützende Decke, um Humus aufzubauen. Wie er aber auf einem bestimmten Hof zusammengesetzt ist, was darin lebt, wie viel Regen fällt und wann der Frost kommt, ist auf jedem Hof anders, oft schon von einem Acker zum nächsten. Die regenerative Landwirtschaft hat daraus ihre Haltung gemacht. Sie kennt ein paar einfache Regeln, der Boden bleibt bedeckt und es wächst möglichst immer etwas darauf, und alles Weitere entscheidet sich beim Hinschauen und Ausprobieren auf dem einzelnen Betrieb.
Fährt man mit diesem Wissen durchs Land, sieht man das Gegenteil. Weizen, Raps und Mais, dann wieder Weizen, Raps und Mais, von Schleswig-Holstein bis nach Niederbayern, auf Böden, die dafür höchst unterschiedlich taugen. Der Grund liegt am anderen Ende der Kette, in der Backstraße der Großbäckerei. Sie soll jeden Tag mit denselben Abläufen dieselben Brötchen liefern, und dafür braucht sie ein Mehl, dessen Eigenschaften möglichst wenig schwanken. Entscheidend ist der Kleber, auch Gluten genannt. Er bildet beim Kneten mit Wasser ein elastisches Gerüst, das die Gärgase im Teig hält, und wie viel davon im Mehl steckt und wie gut er ist, bestimmt Wasseraufnahme, Teigstabilität und Volumen. Mühlen prüfen deshalb jede Lieferung im eigenen Labor auf Eiweißgehalt, Sedimentationswert und Fallzahl. Weizensorten werden nach ihrer Backqualität in die Qualitätsgruppen E, A, B und C eingeordnet, und bezahlt wird vor allem nach dem Eiweißgehalt. Der Bauer richtet Sortenwahl, Düngung und Fruchtfolge danach aus, was sich zu diesen Werten verkaufen lässt. Das Standardbrötchen verlangt den Standardweizen, und der Standardweizen verlangt den Standardacker.
Ein Bäcker, der sein Handwerk versteht, arbeitet anders. Er passt Wasserzugabe, Knetzeit und Teigruhe dem Mehl an, merkt beim Kneten, ob der Teig mehr Wasser will oder mehr Ruhe, und macht aus dem Getreide seiner Gegend ein gutes Brot, auch wenn dessen Werte jedes Jahr anders ausfallen. Beim Metzger und beim Käser ist es genauso. Die Bauern wissen, was auf ihrem Boden wächst, und die Lebensmittelhandwerker wissen, was man daraus macht. Das Handwerk lebt davon, mit den Eigenheiten eines Ortes umzugehen, die Industrie lebt davon, sie zu beseitigen.
Auf dem Acker hinterlässt der Standard seine Spuren. Enge Fruchtfolgen und über den Winter nackte Böden kennt jeder, der mit Landwirten redet, und ebenso die Folgen, Humus, der Jahr für Jahr schwindet, und Erde, die nach dem Starkregen im Graben liegt.
Wirtschaftlich sieht es nicht besser aus. Um 1950 gab es allein in der damaligen Bundesrepublik rund 1,6 Millionen landwirtschaftliche Betriebe, 2023 waren es in ganz Deutschland noch 251.130. Wer bleibt, muss wachsen, und wer wächst, bekommt mehr, denn ein großer Teil der europäischen Agrarförderung wird pro Hektar ausgezahlt. Nach Zahlen der EU-Kommission gehen rund 80 Prozent der Direktzahlungen an etwa 20 Prozent der Empfänger. Mit dem Geld kommen die Bedingungen, geschrieben für einen ganzen Kontinent. Auf unseren Reisen haben wir kaum einen Bauern getroffen, der mit seiner Regierung zufrieden war, und die Klage war überall dieselbe. Man schreibt ihnen vor, was sie anzubauen haben, obwohl sie selbst am besten wissen, was auf ihrem Boden gedeiht.
Das Absurde daran: Kaum ein Wort fällt in der europäischen Politik so oft wie Vielfalt. Es gibt eine Biodiversitätsstrategie, es gibt Programme für Blühstreifen, und in jeder Sonntagsrede wird die Vielfalt der Kulturlandschaft beschworen. Zugleich wird das Geld nach Hektar verteilt, nach Kategorien, die aus der Ferne geschrieben sind, und am Ende sieht der Acker in Niederbayern aus wie der in Mecklenburg. Man redet von Vielfalt und organisiert Gleichheit. Wer Vielfalt wirklich will, muss auf Steuerung verzichten, denn wer aus der Ferne steuert, braucht Kategorien, und Kategorien machen gleich.
Das Milieu
Wie tief diese Verarmung reicht, sieht man erst, wenn man ganz nah herangeht, bis zu dem, was mit bloßem Auge unsichtbar bleibt. In einem Teelöffel gesunder Erde leben mehr Mikroorganismen, als es Menschen auf der Erde gibt. Diese Gemeinschaften folgen überall ähnlichen Regeln und sind doch an jedem Ort anders zusammengesetzt, geprägt vom Gestein, vom Klima und davon, wie ein Boden über Jahrzehnte behandelt wurde. Die Pflanze holt sich einen Teil ihrer Mikroben aus diesem Boden, das Tier frisst die Pflanze, und über Milch und Gemüse landet etwas von diesem Ort auf dem Teller.
Beim Käse ist das seit Jahrhunderten Handwerkswissen. Der Roquefort reift in den Kalkhöhlen des Combalou im Süden Frankreichs, und das Recht, ihn dort reifen zu lassen, hat König Karl VI. schon 1411 verbrieft. Ein Rohmilchkäse aus einem Alpental schmeckt anders als einer aus dem Flachland, auch wenn beide nach demselben Rezept entstehen. Eine große französische Studie zu traditionellen Käsen hat 2024 gezeigt, dass die Mikroben in Milch und Käse von der Region geprägt sind und vom Wissen der Menschen, die ihn machen.
Und dann ist da der Mensch selbst. Forscher aus Stanford haben 2023 die Darmflora der Hadza untersucht, eines der letzten Jäger-und-Sammler-Völker in Tansania, und sie mit der von Menschen in Kalifornien und von Bauern in Nepal verglichen. Im Schnitt fanden sie bei den Hadza rund 730 Mikrobenarten pro Person, bei den nepalesischen Bauern 436 und bei den Kaliforniern 277. Mehr als hundert Arten, die im Darm der Hadza zu Hause sind, verschwinden dort, wo man industriell lebt und isst. Als Hauptverdächtige nennen die Forscher das hochverarbeitete Essen und den verlorenen Kontakt zu Tieren und Erde.
Ein verarmter Boden bringt verarmte Lebensmittel hervor, verarmte Lebensmittel hinterlassen einen verarmten Darm, und ein verarmter Darm macht krank. Gesundheit ist Vielfalt, im Boden wie im Menschen.
Mit der Kultur verhält es sich genauso. Ein Rezept, der Handgriff beim Wenden eines Käses, das Wissen, wann der Hang hinter dem Hof trocken genug ist, das Wort, mit dem man im Dorf einen bestimmten Boden bezeichnet, all das wächst an einem Ort und nirgends sonst. Es verarmt auf dieselbe Weise wie der Boden, wenn man es durch einen Standard ersetzt. Verschwindet diese Praxis, bleibt eine Beschreibung im Museum. Auf dem Tisch fehlt der Käse, und im Dorf fehlt der Mensch, der ihn machen konnte. Am Ende stehen Menschen, die sich überall verständigen können und nirgends mehr dazugehören, die überall dasselbe essen und sich wundern, warum sich so vieles so gleich und so leer anfühlt.
Die Bewahrer
Dass von all dem noch etwas übrig ist, verdanken wir den Bauern. Ein Hof, den eine Familie über Generationen bewirtschaftet, bindet Menschen an einen Ort, und wer an einen Ort gebunden ist, bewahrt dessen Eigenheiten. Genau das haben wir auf den Höfen erlebt, quer durch Deutschland und bis in die Pyrenäen: Familien, die zusammen leben und arbeiten, Bauern im Schützenverein und im Heimatverein, Feste, die seit Generationen gefeiert werden, und Dialekt, überall Dialekt, weit mehr als in jeder Stadt.
Das hat mit dem Boden zu tun. Ein Bauer, der seinen Boden gut behandelt, denkt in Generationen, weil Humus langsam wächst und das meiste von dem, was er heute aufbaut, erst seinen Kindern und Enkeln zugutekommt. Mit HODL DEIN HOF haben wir dieses Denken auf das Geld übertragen, denn ein Hof, der Generationen überdauern soll, braucht Ersparnisse, die das ebenfalls tun. Wer so denkt, geht auch mit der Kultur so um. Eine alte Apfelsorte, eine eigene Rinderrasse, selbst nachgezogenes Saatgut, ein Käse, den nur dieses Dorf macht, all das wird weitergegeben wie der Hof selbst. Dafür braucht es Menschen, die bleiben können, und einen Betrieb, von dem sie leben können.
Das kann nur eine Familie leisten, die bleibt. Ein Agrarunternehmen mit angestellten Betriebsleitern, die alle paar Jahre wechseln, hat keinen Grund, eine Rasse durchzufüttern, die weniger Milch gibt, oder Saatgut nachzuziehen, das in kein Qualitätsraster passt. Es baut an, was sich am Weltmarkt zu genormten Werten verkaufen lässt, und es tut das überall auf dieselbe Weise. Die bäuerlichen Familienbetriebe sind die Hüter des Milieus, im Boden, im Stall und im Dorf. Wenn sie verschwinden, verschwindet mit ihnen, was sie bewahrt haben, und es kommt nicht zurück, bloß weil man später merkt, dass es fehlt.
Tausend Milieus
Bleibt die Frage, mit der ich jahrelang herumgelaufen bin: Welche Rolle spielt Bitcoin in der Landwirtschaft? Lange habe ich nach Anwendungen gesucht, Lightning im Hofladen, Bitcoin als Rücklage für die Hofübergabe, und jede Antwort kam mir zu klein vor. Die beste Antwort hat mir zuletzt ein junger Bauer gegeben, ohne es zu wissen.
Ich habe ihn nach einem Vortrag kennengelernt. Er gehört zu denen, von denen es immer mehr gibt: Bauern, die eigensinnig bleiben oder es wieder werden wollen und in Bitcoin ein Werkzeug dafür sehen. Er denkt so, und er handelt schon so. Was ihm fehlt, ist der Weg hinaus aus den Abhängigkeiten, in denen heute fast jeder Hof steckt. Förderanträge legen fest, was auf den Acker kommt, und Rücklagen verlieren auf dem Konto Jahr für Jahr an Wert, also steckt man sie besser gleich in den nächsten Stall, am besten mit einem Kredit obendrauf. Kaum ein Bauer hat sich diese Abhängigkeiten ausgesucht, und alle ziehen in dieselbe Richtung, zum größeren Stall, zur Standardkultur, ins Förderraster.
Auch Geld ist ein Standard, und zwar einer, der verordnet wird. Wer mit Euro wirtschaftet, tut das, weil er muss, und wie viel es davon gibt, bestimmt eine Zentralbank. Bitcoin ist ebenfalls ein Standard, aber einer, den niemand verordnet. Man benutzt ihn, weil man will, und seine Menge kann niemand steuern. Ein Hof, der in einem solchen Geld spart, gewinnt vor allem Zeit. Seine Rücklagen müssen nicht in den nächsten Stall flüchten, und die alte Rasse oder das eigene Saatgut müssen sich nicht im selben Jahr rechnen. Eigensinn muss man sich leisten können.
Ich habe dem jungen Bauern gesagt: Schritt für Schritt, Gedanke für Gedanke, Idee für Idee. Was ihn aber wirklich gepackt hat, war etwas anderes, nämlich der Gedanke, dass er auf seinem Hof mit dem Boden auch die Kultur seiner Gegend bewahrt. Das motiviert ihn weiterzumachen. Bitcoin ist für ihn das Werkzeug, der Grund liegt tiefer.
Ein gesunder Boden ist robust, weil in ihm unzählige Gemeinschaften nebeneinander leben, jede ein wenig anders, und keine davon das Ganze beherrscht. Fällt eine aus, springen andere ein. Ein Europa, das so gebaut wäre, bestünde aus vielen kleinen, eigenständigen Gemeinschaften mit eigener Sprache, eigenem Essen und eigenem Boden, die freiwillig miteinander handeln und sich von niemandem vorschreiben lassen, wie sie zu leben haben. Hans-Hermann Hoppe hat dafür ein Bild gefunden: ein Europa der tausend Liechtensteins.
Wie Bitcoin auf den Höfen im Einzelnen ankommt, probieren wir gerade aus, Hof für Hof. Das Warum steht fest. Die Bauern haben sich die Gleichmacherei nie ganz gefallen lassen, und wir müssen es auch nicht mehr.
Was mit dem Hof stirbt
Für uns, die wir von diesen Höfen essen, beginnt es nah am Alltag. Wer nach der Arbeit noch einkauft, aufs Geld achten muss und zu Hause hungrige Kinder hat, fährt nicht jeden Samstag drei Höfe ab, und mancherorts gibt es längst keinen Bäcker und keinen Metzger mehr. Gerade dort sieht man, was mit ihnen verloren gegangen ist: die Möglichkeit, überhaupt anders einzukaufen. Anfangen lässt es sich trotzdem, mit einem Hof, bei dem man regelmäßig Eier oder Kartoffeln holt, mit einem Bäcker, den man nach seinem Mehl fragt, mit einer Sammelbestellung, durch die sich die Fahrt lohnt. Für einen kleinen Betrieb bedeutet ein verlässlicher Kunde mehr als viele zustimmende Worte.
Wenn ein Hof aufgibt, wird sein Land weiter bewirtschaftet, meistens vom Nachbarn, der wächst. Sein Wissen, sein Geschmack und seine Sprache verschwinden mit der Familie, die geht. Das ist es, was mit dem Hof stirbt.
Ich denke oft an den Katalanen zurück und an unser mühsames Gespräch auf seinem Hof. Ich hatte die Sprachen, mit denen man überall durchkommt, er hatte eine, mit der man an genau einem Ort zu Hause ist. An diesem Tag war ich der Ärmere von uns beiden.
Aktualisiert am 27. September 2026: Der Abschnitt zum Weizen wurde fachlich präzisiert. Danke an Jens Keim für den Hinweis.
Quellen
- Eugen Weber: Peasants into Frenchmen. The Modernization of Rural France, 1870–1914, Stanford University Press 1976; zur Zahl von 1863 siehe die Rezension bei Project MUSE
- Lane et al.: Ultra-processed food exposure and adverse health outcomes, BMJ 2024
- Diabetiker Niedersachsen: Hochverarbeitete Lebensmittel als Risiko für frühen Tod (Anteil in Deutschland knapp 40 Prozent) und Ernährungsradar (fast die Hälfte)
- FAO: Small family farmers produce a third of the world's food, 2021
- Bundeszentrale für politische Bildung: Editorial, APuZ Landwirtschaft 2022 (1,6 Millionen Betriebe um 1950)
- BMEL-Statistik: Betriebsstruktur und Entwicklung landwirtschaftlicher Betriebe (251.130 Betriebe 2023)
- EU-Kommission: Direct payments to agricultural producers, Financial year 2020 (Verteilung 80 zu 20)
- Yara Deutschland: Was ist Weizenqualität und warum ist sie wichtig?
- Carter et al.: Ultra-deep sequencing of Hadza hunter-gatherers recovers vanishing gut microbes, Cell 2023; Zahlen nach Scientific American
- A comprehensive, large-scale analysis of „terroir“ cheese and milk microbiota, ISME Communications 2024
Weiterlesen
Das könnte dich auch interessieren

Gemeinsame Themen: Hofsterben · Familienhöfe
3. März 2025
Agrarsubventionen: Die größte Enteignung der Bauern seit dem Kommunismus
Die Landwirtschaft ist längst kein freies Gewerbe mehr – sie wurde in eine staatlich gelenkte Abhängigkeit gezwungen. Subventionen sind nichts anderes als…
Weiterlesen ↗
Gemeinsame Themen: Regionale Lebensmittel · Familienhöfe
9. Oktober 2026
Der Acker in unseren Händen
Anja über den nächsten Schritt nach der industriellen Landwirtschaft: lebendige Böden, echte Lebensmittel und eine Welt, die unsere Kinder mit Wohlwollen nährt.
Weiterlesen ↗
Gemeinsame Themen: Regionale Lebensmittel · Regenerative Landwirtschaft
13. Dezember 2024
Bitcoin, Boden und Bauern – Wie regenerative Landwirtschaft und Bitcoin Hand in Hand gehen können
Die Landwirtschaft steht vor großen Herausforderungen: Erosion, Abhängigkeiten und eine zunehmende Entfernung von langfristig nachhaltigen Ansätzen. Gleichzeitig eröffnet Bitcoin völlig neue Möglichkeiten,…
Weiterlesen ↗
2 Kommentare
Ja, das kommt mir alles sehr bekannt vor. ich bin jetzt 60 Jahre alt und spreche leider keine Mundart. Als ich 1972 zur Schule kam, erhielten meine Eltern von der schulbehörde die Aufforderung mit uns Kindern zu Hause nur Hochdeutsch zu sprechen, denn das Plattdeutsch, das hier in Nordfriesland überwiegend gesprochen wurde, würde uns Kindern beim Lernen behindern. Damit hat man damals eine Mundart zum größten Teil ausgerottet und die Eltern und Großeltern beschämt.
In unserem damaligen Dorf gab es 30 Höfe mit großer Vielfalt, vor allem alle mit Weidetieren. Heute gibt es nur noch einen mit monokultur für die Biogasanlage.
Heute, mit 60 Jahren, habe ich die Verwaltung unserer 37 ha wieder übernommen. Sie werden noch konventionell von einem lohnunternehmer konventionell bewirtschaftet, aber ich suche einen Weg ihn zukünftig regenerativer und vielfältiger zu bewirtschaften.
Vielen Dank für diese Geschichte. Die Aufforderung der Schulbehörde, zu Hause nur noch Hochdeutsch zu sprechen, ist der Holzschuh aus der Bretagne in Nordfriesland, nur leiser. Und die Beschämung der Eltern und Großeltern ist genau das, was die Okzitanen vergonha nennen. Dreißig vielfältige Höfe mit Weidetieren, und heute ist einer übrig, mit Monokultur für die Biogasanlage: Kürzer lässt sich kaum zusammenfassen, was mit dem Hof stirbt.
Umso mehr freut es mich, dass Sie Ihre 37 Hektar wieder selbst in die Hand genommen haben. Genau bei solchen Fragen begleiten wir Betriebe mit unserem Hofcheck: Wie kommt man von der Standardbewirtschaftung zu einer vielfältigeren, regenerativen, und wie rechnet sich das? Ich schreibe Ihnen dazu gern persönlich.