Viele Menschen sehnen sich nicht nach Freiheit, sondern nach Entlastung. Sie sehnen sich nicht nach Selbstverantwortung, sondern nach einer Autorität, die entscheidet.
Es gibt Zeiten – und wir leben in einer solchen –, in denen es so wirkt, als lösten sich alle Maßstäbe auf. Orientierung scheint zu verschwinden, Gewissheiten zerfallen. In solchen Momenten wächst die Sehnsucht nach alten Autoritäten: nach festen Regeln, klaren Hierarchien, eindeutigen Wahrheiten.
Und zuverlässig stehen sie bereit: Fanatiker mit der ultimativen Lösung. Sie versprechen Ordnung, Sinn und Sicherheit – und befreien das Individuum scheinbar von der Last persönlicher Leistung, Verantwortung und Entscheidung.
Je unübersichtlicher die Welt wird, desto größer wird der Wunsch, das eigene Urteil abzugeben. Früher gab es vorgezeichnete Wege: Familie, Beruf, Ort, Rolle. Heute gibt es Möglichkeiten – und genau das überfordert. Zwischen Wissenschaft und Religion, Idealen und Alltag, Sehnsucht und Angst verlieren viele den inneren Halt.
Kulte, Ideologien und fanatische Bewegungen bieten eine Abkürzung aus dieser Überforderung. Sie nehmen dem Einzelnen die Entscheidung ab – und rauben ihm zugleich seine Kraft. Angst ist ihr Treibstoff. Die Gruppe wird stark, das Individuum klein. Verantwortung wird kollektiviert, Schuld verdampft.
Dabei wird eine grundlegende Wahrheit verdreht: Individuen können ohne Organisationen überleben. Organisationen können nicht ohne Individuen überleben.
Die wirksamsten Gemeinschaften sind keine Zufluchtsorte für Verantwortungslosigkeit, sondern Zusammenschlüsse selbstwirksamer Menschen. Gruppen funktionieren dann am besten, wenn Individuen ihre persönliche Macht bewusst einbringen – nicht, wenn sie versuchen, sich hinter der Gruppe zu verstecken.
Fanatiker sprechen immer vom „Guten“. Doch sie glauben nicht an den Menschen. Nicht an dessen Fähigkeit, selbst zu erkennen, selbst zu handeln, selbst zu irren – und daraus zu lernen. Wer dem Individuum misstraut, greift zur Zwangsordnung. Wer sich selbst für ohnmächtig hält, braucht den Führer, die Ideologie, den Feind.
Geschichte ist voll davon: Inquisition, Hexenverfolgungen, Nationalismus, politische Säuberungen – immer im Namen des Guten. Immer mit der gleichen Frage, die nie ehrlich beantwortet wird:
Zu welchem Preis? Und wer entscheidet, was gut ist?
Eine offene, demokratische Gesellschaft ist anstrengend. Sie verlangt vom Einzelnen, seinen eigenen Weg zu wählen – ohne Garantie, ohne kollektive Absolution. Genau deshalb ist sie fragil. Und genau deshalb wird sie so oft zur Karikatur: zu einer „unseren Demokratie“, die nur noch genehme Lebensentwürfe duldet und alle anderen moralisch abwertet.
Doch echte Freiheit bedeutet etwas Radikaleres – und zugleich etwas Einfacheres: den Respekt vor dem Leben des Anderen. Nicht Zustimmung, nicht Gleichheit, sondern die Anerkennung, dass Menschen unterschiedlich sind – und sein dürfen.
Das ist der libertäre Kern: Nicht das perfekte System. Nicht das moralisch überlegene Kollektiv. Sondern das Vertrauen in das Individuum – und die Ablehnung von Gewalt als Mittel zur Durchsetzung von Idealen.
Freiheit scheitert nicht an Chaos. Sie scheitert an Menschen, die sich vor sich selbst fürchten. Wer seine Verantwortung abgibt, bekommt Ordnung – aber keine Würde.
Wer sich hinter Gruppen, Ideologien oder „dem Guten“ versteckt, verliert genau das, was er retten will: seine Menschlichkeit.
Organisationen sind Werkzeuge.
Ideen sind Angebote.
Systeme sind Mittel – niemals Zweck.
Nur das Individuum trägt Verantwortung.
Nur das Individuum kann irren, lernen, wachsen.
Und nur dort, wo Menschen einander in Ruhe lassen, kann Frieden entstehen.
Alles andere ist Angst mit Fahne.


