Wie das Klima zur Staatsreligion wurde – und warum das eigentliche Problem ein anderes ist
Manchmal hilft Lachen, um einen Gedanken überhaupt erst zuzulassen. Zum Beispiel diesen: Wir haben die Kirche abgeschafft – und ihre Geschäftsmodelle perfektioniert.
Es gibt wieder verpflichtende Abgaben, moralisch aufgeladen und staatlich eingezogen. Es gibt wieder Ablasshandel, nur besser organisiert. Und es gibt wieder ein transzendentes Prinzip, das straft, wenn wir uns falsch verhalten.
Der Gott heißt nicht mehr Gott.
Er heißt Klima.
Religion verschwindet nicht – sie wechselt ihre Form
Die Moderne hielt sich lange für aufgeklärt. Rational. Nüchtern. Endlich frei von Mythen, Dogmen und religiöser Bevormundung.
Doch Religion verschwindet nicht, weil man sie für überwunden erklärt. Sie verschwindet nur dann, wenn der Mensch keinen Bedarf mehr nach Sinn, Ordnung und moralischer Einbettung verspürt. Und dieser Bedarf ist nicht verschwunden – im Gegenteil.
Die mittelalterliche Kirche arbeitete mit Erbsünde, göttlichem Zorn und Erlösung. Sie hatte Priester als Mittler, Dogmen als Ordnungssystem und den Ablasshandel als ökonomisches Ventil. Wer zahlte, durfte hoffen. Wer nicht zahlte, blieb schuldig.
Die Moderne lachte darüber – und baute unbemerkt etwas sehr Ähnliches auf.
Die Leerstelle der sinnentleerten Welt
Der naturwissenschaftliche Blick auf die Welt hat viel erklärt. Aber er hat auch viel entzaubert.
Der Mensch erschien plötzlich als Produkt blinder Evolution, Moral als Nebenprodukt von Selektion, Sinn als Illusion.
In einer solchen Welt gibt es keine innere Orientierung mehr. Kein Oben und Unten. Kein Richtig oder Falsch – nur Funktion und Anpassung.
Psychologisch ist das kaum auszuhalten. Also geschieht, was immer geschieht: Der Mensch kompensiert.
Wo Sinn fehlt, entsteht Moralismus. Wo Moralismus entsteht, folgt Autorität. Und wo Autorität folgt, wird wieder reguliert, bestraft und erlöst.
Das Klima als neuer Richter
Das Klima ist dafür perfekt geeignet.
Es ist global, unsichtbar, komplex. Es entzieht sich unmittelbarer Erfahrung und verlangt Vermittler. Es reagiert verzögert, unberechenbar – und eignet sich ideal für apokalyptische Deutungen.
Das Problem ist nicht, dass sich das Klima verändert. Das Problem ist die religiöse Aufladung dieses Themas.
Das Klima spricht nicht. Aber viele sprechen für es.
Und diese Stimmen haben erstaunlich vertraute Rollen:
Wissenschaftler als neue Priester
Regierungen als moralische Instanzen
Medien als Kanzel
Studien als Offenbarung
Zweifel als Häresie
Aus Analyse wird Moral. Aus Diskussion wird Bekenntnis. Aus Verantwortung wird Schuld.
Kirchenabgaben reloaded
Früher zahlte man Kirchensteuer. Heute zahlt man Klimasteuern.
Der Mechanismus ist identisch: Die Abgabe ist nicht nur fiskalisch, sondern moralisch begründet. Wer zahlt, gehört dazu. Wer nicht zahlt, gilt als unsolidarisch, verantwortungslos oder gefährlich.
Steuern werden zu Sakramenten. Zahlung wird zu Reinigung. Verzicht wird zur Tugend.
Und wie immer gilt: Die Abgabe ist nicht freiwillig, sondern Ausdruck höherer Einsicht – durchgesetzt mit staatlicher Macht.
Der Ablasshandel kehrt zurück
Der historische Ablasshandel erlaubte Sündern, ihre Schuld mit Geld zu lindern. Das war moralisch fragwürdig – aber ehrlich.
Der moderne Ablasshandel ist effizienter.
CO₂-Zertifikate funktionieren nach demselben Prinzip: Emissionen bleiben erlaubt, solange sie bezahlt werden. Wer reich ist, darf weiter sündigen. Wer arm ist, muss verzichten.
Moral wird marktfähig. Tugend wird kaufbar. Schuld wird externalisiert.
Der Ablasshandel wurde nicht abgeschafft – er wurde professionalisiert.
Ketzer, Leugner, Unreine
Jede Religion braucht Abweichler. Ohne Ketzer keine moralische Überlegenheit.
Heute heißen sie: Klimaleugner. Fleischesser. Verbrennerfahrer. Ungeimpfte. Rechtsradikale.
Die Liste ist austauschbar. Entscheidend ist nicht die Tat, sondern die Abweichung.
Scham, Schuld und Angst übernehmen wieder ihre klassische Funktion: soziale Disziplinierung.
Scheiterhaufen müssen nicht brennen. Digitale Ächtung, berufliche Konsequenzen und sozialer Ausschluss sind wirksamer.
Angst als Herrschaftsmittel
Apokalyptische Erzählungen haben eine lange Tradition. Sie erzeugen Dringlichkeit, Gehorsam und moralische Erpressbarkeit.
Wenn das Ende immer kurz bevorsteht, ist jede Maßnahme gerechtfertigt. Jeder Zweifel gefährlich. Jede Freiheit verdächtig.
Angst ist die Lieblingswährung jeder Religion – und jedes autoritären Systems.
Der nie gegangene Weg
Hier liegt der eigentliche Kern des Problems – und die tiefste Ironie.
Die Botschaft von Christus war, dass der Mensch grundsätzlich gut ist. Nicht perfekt. Nicht fehlerlos. Aber verantwortungsfähig.
Und doch wurde nie eine Zivilisation auf diesem Prinzip errichtet.
Alle großen Systeme – religiös wie säkular – beruhen auf Misstrauen: Der Mensch sei sündig. Gefährlich. Unreif. Zu kontrollieren.
Heute ist der Mensch kein Sünder mehr – sondern ein Klimarisiko. Eine Emissionsquelle. Ein Störfaktor im System.
Vielleicht ist nicht der Mensch gescheitert. Vielleicht sind nur alle Systeme gescheitert, die ihm nie vertraut haben.
Warum dieser Text nicht in Trübsal endet
Was nie versucht wurde, kann auch nicht gescheitert sein.
Und vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet eine nüchterne, wertneutrale Technologie eine neue Möglichkeit eröffnet.
Bitcoin und der erste echte Zivilisationsversuch
Bitcoin ist keine Erlösungslehre. Keine Moralinstanz. Keine Kirche.
Bitcoin verspricht nicht, den Menschen gut zu machen. Aber es behandelt ihn erstmals so, als könnte er Verantwortung tragen.
Kein Priester. Kein Mittler. Kein Ablass. Kein Zwang.
Nur Regeln – und Konsequenzen.
Bitcoin zwingt niemanden zur Tugend. Aber es entzieht dem moralischen Machtmissbrauch den Boden.
Vielleicht entsteht hier zum ersten Mal die Möglichkeit, eine Ordnung nicht auf Angst, Schuld und Kontrolle zu gründen, sondern auf Verantwortung, Reife und Freiheit.
Nicht als Heilsversprechen. Sondern als Versuch.
Schluss
Vielleicht war das größte Versäumnis der Geschichte nicht der Glaube an Gott, sondern das fehlende Vertrauen in den Menschen.
Und vielleicht beginnt Hochkultur genau dort, wo wir es wagen, diesen Gedanken endlich ernst zu nehmen.


