Kristof Dittmann hat einen fünfjährigen Sohn – und der hat ihn dazu gebracht, das Bildungssystem neu zu denken. Ein Gespräch über freies Lernen, ADHS, Schulpflicht und die Frage, wer eigentlich bestimmt, was unsere Kinder lernen.

Man kann nicht nicht lernen – und das ist das Problem

Das Gehirn lernt immer. Im Schlaf, beim Spielen, beim Warten auf den Schulbus. Man kann Lernen nicht verhindern – man kann nur bestimmen, in welche Richtung es geht. Und genau da beginnt die eigentliche Frage: Wer bestimmt das gerade? In der neuen Folge von Raus hier! spricht Aukse mit Kristof Dittmann über freies Lernen, ADHS als Systemkonsequenz und darüber, was passiert, wenn man Kindern einfach mal vertraut.
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Raus hier! mit Kristof Dittmann über freies Lernen, ADHS und was Schule wirklich beibringt

Kristof Dittmann hat einen fünfjährigen Sohn. Und der hat ihm eine Frage vor die Füße gelegt, die er jahrelang erfolgreich verdrängt hatte: Was passiert mit diesem Kind, wenn es in ein Bildungssystem kommt, das Kristof selbst nur eines gelehrt hat – dass er nie wieder irgendetwas damit zu tun haben wollte?

Aus dieser Frage ist Leppsches Lernen entstanden. Lernhefte für Familien, die Lernen wieder selbst in die Hand nehmen wollen. In der neuen Folge von *Raus hier!* hat Aukse mit Kristof fast zwei Stunden über das gesprochen, was so simpel klingt und so selten wirklich durchdacht wird: Was ist Lernen eigentlich? Und warum gelingt es so vielen Kindern im System – und so vielen Menschen nach der Schule – plötzlich wieder?

 

Das Gehirn lernt immer. Wirklich immer.

Der Ausgangspunkt von Kristofs Denken ist so fundamental, dass man kurz innehalten muss, um zu merken, wie radikal er ist: Man kann nicht nicht lernen.

Das Gehirn ist kein Gerät, das man an- und ausschaltet. Es arbeitet rund um die Uhr, beim Dösen, beim Scrollen, im Schlaf – gerade im Schlaf sogar besonders intensiv, wenn Erlebnisse des Tages sortiert und in Langzeitgedächtnis überführt werden. Neue Erfahrungen schaffen neue synaptische Verbindungen. Was nicht benutzt wird, baut das Gehirn wieder ab. Wer aufhört, Neues zu lernen, verliert buchstäblich die Fähigkeit dazu – weil das Gehirn irgendwann aufhört, die dafür nötigen Rohstoffe herzustellen.

Das klingt nach Neurobiologie-Grundkurs. Ist es auch. Aber die Konsequenz, die Kristof daraus zieht, ist alles andere als selbstverständlich: Wenn man Lernen nicht verhindern kann, dann ist die einzige relevante Frage, *was* das Gehirn lernt. Und wer das bestimmt.

Schule gibt darauf eine sehr klare Antwort. Das System bestimmt es. Der Lehrplan bestimmt es. Der Lehrer bestimmt es. Das Kind – in den seltensten Fällen.

 

Was Schule wirklich beibringt

Kristof ist kein Schul-Hasser der platten Sorte. Er macht keine simple Abrechnung. Aber er benennt, was er beobachtet, ohne es kleinzureden: Schule bringt Kindern vor allem bei, auf Erlaubnis zu warten. Auf Aufgaben zu warten. Auf Toilette gehen zu dürfen. Zu schweigen, wenn jemand spricht. Die eigene Neugier zu unterbrechen, wenn die Glocke läutet.

Diese Glocke ist übrigens kein nebensächliches Detail. Kristof hat mit Traumatherapeuten gesprochen, die beschreiben, wie gruppenweise Traumata durch die Konditionierung auf Schulglocken entstehen. Pawlow hat das an Hunden demonstriert. Wir nennen es Schulalltag.

Das klingt übertrieben. Vielleicht ist es das sogar ein bisschen. Aber der Kern stimmt: Ein System, das Kinder dazu bringt, für jedes natürliche Bedürfnis um Erlaubnis zu bitten, lehrt Gehorsam. Das ist keine Verschwörungstheorie, das ist Pädagogik-101, die man nur selten laut ausspricht.

Und dann ist da noch das, was man das Kunden-Produkt-Problem nennen könnte. Wenn der Kunde sagt, das Produkt taugt nichts – was macht man dann normalerweise? Man ändert das Produkt. Was wir seit Jahrzehnten machen: den Kunden ändern. Immer mehr Konzepte, immer mehr Diagnosen, immer mehr Interventionen. Das Kind ist das Problem. Das Kind muss sich anpassen.

 

ADHS: Die ehrlichste Diagnose des Systems

Kristof sagt es ohne Umschweife: ADHS gibt es nicht. Oder genauer: Diese Kinder haben kein Aufmerksamkeitsdefizit. Sie haben zu wenig Aufmerksamkeit bekommen.

Das ist ein Satz, über den man ruhig eine Weile nachdenken darf. Die Kinder, die als ADHS diagnostiziert werden, sind nach Kristofs Beobachtung oft genau jene, die den größten Fokus haben – wenn sie sich für etwas interessieren. Die ausdauerndsten, schnellsten, intensivsten Lerner. Nur eben nicht auf Kommando. Nicht um 9:15 Uhr im Klassenzimmer mit 28 anderen Kindern, die alle unterschiedlich schnell, unterschiedlich weit und unterschiedlich interessiert sind.

Was dann passiert, ist bekannt: Zappelnde Kinder werden ruhiggestellt. Im schlimmsten Fall mit Medikamenten, die pharmakologisch betrachtet in die Familie der Amphetamine gehören. Damit sie funktionieren. Damit sie still sitzen.

Kristof findet das nicht nur pädagogisch fragwürdig. Er findet es falsch.

Die Schulpflicht, so wie sie in Deutschland existiert – als Gebäudeanwesenheitspflicht, die zu den schärfsten Europas gehört – wurde 1938 eingeführt. Es ist keine irrelevante Fußnote, wer das wann und warum eingeführt hat. Das Gesetz wurde umbenannt. Der Inhalt blieb.

 

Beziehung kommt vor allem anderen

Sowohl Kristof als auch Aukse kommen im Gespräch immer wieder zu demselben Punkt zurück: Ohne Beziehung kein echtes Lernen. Das ist keine romantische Metapher, das ist Neurobiologie. Ein Kind, das sich in einer Umgebung nicht sicher fühlt, verwendet seine kognitiven Ressourcen auf Überleben – auf soziale Orientierung, auf Bedrohungsabschätzung, auf emotionale Regulation. Für Lernen im tieferen Sinne bleibt wenig übrig.

Aukse erzählt davon, wie ihre Tochter nach dem ersten Schultag nach Hause kam und sagte: Ich gehe nicht mehr hin. Das war die erste Klasse. Zehn Jahre folgten trotzdem. Was hat geholfen? Eine Freundin. Nicht das Curriculum, nicht die Reformpädagogik, nicht die Ganztagesbetreuung. Eine Freundin, mit der man den ganzen Wahnsinn irgendwie übersteht.

Kristof beschreibt das Prinzip Eingewöhnung im Kindergarten als das, was es bei näherer Betrachtung ist: ein Prozess, bei dem Eltern ihrem Kind signalisieren, dass dieser fremde Ort zu ihrem Stamm gehört. Dass man hier sicher ist. Das Kind würde von allein nicht bleiben – also muss die Zugehörigkeit erst konstruiert werden. Zwei Wochen lang. Mit dem Kind. Schritt für Schritt. Bis es aufgehört hat, sich zu wehren.

Das klingt nach Manipulation. Vielleicht ist es das. Vielleicht ist es auch notwendig, je nachdem, wie man die Situation betrachtet. Aber es ist aufschlussreich, wenn man mal hinschaut.

 

Was Kristof stattdessen macht

Leppsches Lernen ist kein Manifest und kein Revolutionsaufruf. Es sind Hefte. Physisch, auf Papier, weil – und auch das ist Kristofs bewusste Entscheidung – ein Heft kein WLAN braucht, nicht gehackt werden kann, nicht stillgelegt wird und nicht im Nachhinein verändert werden kann. Über tausend Hefte sind bereits im Umlauf. Die sind draußen. Die kann man nicht zurückrufen.

Die Hefte decken klassische Grundlagen ab – Mathematik, Lesen, Schreiben – aber auch das, was die Schule konsequent weglässt: Steuern, Ernährung, Hausbau, Finanzverständnis, Lebenskompetenz. Das Kompendium, das Kristof sich vorstellt, ist das Buch, das er sich nach der Schule selbst zusammengesucht hat, jetzt in einer Form, die jeder nutzen kann.

Und das ohne Pädagogikstudium. Wer seinem Kind das Laufen beigebracht hat, wer mit ihm sprechen gelernt hat – der hat bereits bewiesen, dass er lehren kann. Das Studium ist für das System notwendig, nicht für das Lernen.

Die wichtigste Regel, die in jedem Heft steht: Niemand darf gezwungen werden, es zu machen.

 

Der Rahmen, den Eltern geben können

Kristof ist kein Verfechter von Laissez-faire-Erziehung ohne Struktur. Er beschreibt es eher als Rahmen setzen und Entscheidungsraum lassen. Morgens anziehen und Zähne putzen – klar, das gehört dazu. Aber ob zuerst die Jacke oder zuerst die Schuhe: Das darf der Fünfjährige entscheiden. Die Entscheidungsgewalt liegt beim Kind, innerhalb eines Rahmens, den die Eltern halten.

Kompetenz entsteht aus Verantwortung. Was ich meinem Kind abnehme, nehme ich ihm als Lernchance weg. Ein Satz, der sitzt, wenn man ihn einmal gehört hat. Der Umweg über den Spielplatz, der eine Stunde dauert statt zehn Minuten, ist kein Zeitverlust. Er ist der Punkt.

Neugier ist bei jedem Kind vorhanden. Sie muss nicht geweckt werden – sie muss nur nicht systematisch unterbrochen werden. Jedes „Komm jetzt, wir müssen weiter“, jedes „Nein, nicht anfassen“, jedes „Das ist jetzt nicht wichtig“ ist eine kleine Unterbrechung dieses Prozesses. Oft genug wiederholt, und der Mensch hört irgendwann auf, neugierig zu sein.

Das passiert, so Kristof, spätestens in der Schule. Manchmal früher.

 

Was das mit Hochkultur zu tun hat

Aukse fragt Kristof am Ende des Gesprächs, wie er sich Hochkultur vorstellt. Seine Antwort ist unerwarteter als erwartet: eine maskenfreie Gesellschaft. Nicht im politischen Sinne – sondern im Sinne echter Begegnung. Menschen, mit denen man wirklich in Kontakt kommen kann. Eine Gemeinschaft, nicht eine Gesellschaft. Leute, die gemeinsam für etwas stehen, nicht Menschen, die einfach nebeneinander herleben.

Das klingt utopisch. Aber es beginnt im Kleinen. Mit dem Kind, das man nicht zwingt, sondern einlädt. Mit dem Lernen, das man nicht verwaltet, sondern begleitet. Mit der Neugier, die man nicht unterbricht, sondern aushält – auch wenn es eine Stunde dauert, bis man vom Laden wieder zu Hause ist.

Man kann nicht nicht lernen. Die Frage ist nur, was.

 

Die ganze Folge gibt es auf YouTube und Spotify.
Mehr von Kristof Dittmann auf leppscheslernen.de.

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