Es gibt einen Satz, den Anastasia Umrik fast beiläufig in das Gespräch wirft – und der dann einfach hängen bleibt: „Das Tun sind vielleicht 5%. Der Rest passiert im Kopf. Oder tiefer.“
Das ist keine Motivationsformel. Es ist eine ziemlich nüchterne Diagnose. Und wer ehrlich ist, kennt das Gefühl: Man weiß, was man will. Man weiß sogar ungefähr, wie es gehen könnte. Und trotzdem passiert – nichts. Monatelang. Manchmal jahrelang.
In der neuen Folge von Raus hier! spricht Aukse mit Anastasia über genau dieses Phänomen. Anastasia ist Coach, Autorin und Gründerin von MindPunk – und sie hat einen Hintergrund, der das Gespräch von Anfang an erdet: Migration aus Kasachstan mit sieben Jahren, Armut, Behinderung, mehrere Krisen, Studienabbruch. Kein geschönter Werdegang, den man sich zurechtbastelt, um auf der Bühne besser auszusehen. Sondern das echte Material, aus dem ihre Arbeit entstanden ist.
Das Nervensystem entscheidet, nicht der Wille
Der Ratschlag „Fang einfach an“ ist gut gemeint und meistens nutzlos. Nicht weil Menschen zu bequem oder zu ängstlich wären, sondern weil er das eigentliche Problem überspringt: Ein überfordertes Nervensystem kann gar nicht klar denken. Keine Klarheit, keine Entscheidung. Keine Entscheidung, kein Anfang.
Anastasia arbeitet deshalb mit Atemtechniken – konkret mit dem sogenannten verbundenen Atem, einer Methode, die das Nervensystem über kontrollierte Stressreize in einen Zustand bringt, in dem es loslassen kann. Kein Yoga-Kontext, kein Wellness-Sprech – sondern ein physiologischer Vorgang: Das Gehirn kommt in eine Frequenz kurz vor dem Einschlafen, das Nervensystem entlädt sich, und danach – erst danach – ist wirkliches Denken wieder möglich.
„Vorher ist der Kopf zu belegt. Zu dicht. Und die Gefühle sind zu stark.“
Was sie beschreibt, ist die Reihenfolge, die die meisten umdrehen: Erst klären, dann entscheiden, dann handeln. Die meisten versuchen zu handeln, während ihr System noch im Alarmzustand steckt.
Der erste Gedanke lügt fast immer
Eine der schärfsten Beobachtungen im Gespräch betrifft die Ausreden, die wir uns erzählen. Anastasia glaubt nicht an Schüchternheit. Nicht daran, dass Zeitmangel der Grund ist, warum jemand nicht anfängt. Nicht daran, dass fehlende Technik oder fehlende Qualifikation wirklich das Problem sind.
„Meistens ist es nicht der erste Gedanke. Der zehnte ist der, der die Wahrheit ist.“
Was das bedeutet: Wenn jemand sagt, er habe keine Zeit, dann ist das der erste Gedanke. Darunter liegt vielleicht die Angst abgelehnt zu werden. Und darunter liegt eine Erinnerung im Nervensystem, die Jahre oder Jahrzehnte alt ist. Das Tun – der Podcast, das Business, der Kurs – scheitert nicht an fünf Prozent technischer Umsetzung. Es scheitert an den 95 Prozent davor, die niemand sehen will.
Kein Durchziehen um des Durchziehens willen
Anastasia ist explizit gegen eine bestimmte Art von Durchhalteparolen. Nicht das Durchziehen um jeden Preis, das viele predigen – sondern das Unterscheiden zwischen dem, was das Herz ablehnt, und dem, was sich nur schwer anfühlt, weil es neu ist.
Sie hat Kunst gemacht, Mode, dann das Thema Krise und Neubeginn. Ihr Studium nach drei Semestern abgebrochen, weil es ihr Weg nicht war. Ein Buch geschrieben – zehn Jahre nach dem ersten Wunsch, es zu schreiben. Und jetzt, beim zweiten Buch, steht sie wieder am gleichen Punkt.
„Mit jeder neuen Beziehung, jedem neuen Business, jedem neuen Ziel denkst du: Ich kann gar nichts. Und dann hast du es erreicht und fragst dich, was eigentlich mein Problem war.“
Das ist keine Ermutigung im Sinne von: Es wird schon. Es ist eher eine ehrliche Beschreibung dessen, wie der Prozess tatsächlich aussieht. Immer wieder. Auf jeder neuen Ebene.
Wenn eine Vision immer wiederkommt
Am Ende der Folge fällt der Satz, der das Gespräch zusammenfasst:
„Wenn du eine Vision hast, dann ist die Sicherheit da, weil du sie kannst. Man hat keine Vision von Sachen, die man nicht kann.“
Das klingt zunächst fast zu einfach. Aber gemeint ist etwas Präzises: Wer keine Begabung zum Tanzen hat, entwickelt keine ausdauernde Vision davon, Tänzer zu werden. Wer immer wieder denkt, einen Podcast zu starten, ein Business aufzubauen, anders zu leben – bei dem kommt diese Vision nicht zufällig. Sie kommt, weil sie zu ihm gehört.
Die Frage ist nicht, ob die Vision berechtigt ist. Die Frage ist, was davor steht.
Die ganze Folge gibt es hier: ▶ Zum Podcast
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