Warum arbeiten Bauern und Mittelstand mehr, obwohl die Produktivität steigt? Benjamin Mudlack erklärt Inflation, Cantillon-Effekt und Bitcoin im Bachgespräch.

Die Wahrheit über Inflation und die Zerstörung des Mittelstands | Benjamin Mudlack im Bachgespräch

2002 bekam man für 300 Euro noch 3.000 Brötchen. Heute sind es 600. Der Unterschied ist keine Inflation im Sinne von steigenden Preisen – er ist der Wohlstand, der produziert wurde, aber nie bei denen ankam, die ihn erwirtschaftet haben. Ein Gespräch mit Benjamin Mudlack am Bach über Geldmechanismen, Bauern unter Druck und die Frage, ob eine neue Hanse freier Unternehmer der Weg heraus sein könnte.
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Was ein Ökonom am Bach über Geld, Bauern und die neue Hanse zu sagen hat

Es war Mudlacks Idee mit den Brötchen. Nicht als Metapher, sondern als Rechenaufgabe: 2002 kostete eine Unze Gold rund 300 Euro – und für 300 Euro bekam man damals 3.000 Brötchen. Heute kostet dieselbe Unze fast 4.000 Euro. Wer sie die ganze Zeit gehalten hat, bekommt dafür 8.000 Brötchen. Wer dagegen die 300 Euro unter dem Kopfkissen gelassen hat, bekommt heute noch 600.

Das ist keine Theorie. Das ist eine Differenz von 7.400 Brötchen. Und genau das, sagt Benjamin Mudlack, ist die Produktivitätsdividende – der Wohlstand, der eigentlich bei den Menschen landen sollte, aber es nicht tut.

 

Warum Fortschritt sich nicht anfühlt wie Fortschritt

Das ist die Grundfrage, die das gesamte Gespräch antreibt: Wir leben in der produktivsten Zeit der Menschheitsgeschichte. Maschinen, Software, Logistik – alles effizienter als je zuvor. Und trotzdem hat ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in Deutschland heute sieben Mal so lange für eine Unze Gold zu arbeiten wie 1999. Der Dow Jones hat sich in den letzten Jahrzehnten fast vierzigfacht. Das Vermögen von Warren Buffett übrigens auch. Die Kaufkraft der Löhne? Gleich geblieben.

Mudlack nennt das nicht Zufall. Er nennt es System.

Das Geldsystem, erklärt er, ist so konstruiert, dass neues Geld nicht aus dem Nichts entsteht – sondern durch Kreditvergabe. Wer zuerst an das neue Geld kommt, kauft zu alten Preisen. Wer es zuletzt bekommt, zahlt die gestiegenen. Dieser Mechanismus, bekannt als Cantillon-Effekt, ist der ruhige Motor hinter der Schere zwischen arm und reich. Nicht Gier, nicht Kapitalismus, nicht Trump oder Putin. Ein Buchungssatz.

Wobei: Der Begriff Inflation wird hier präzise unterschieden – etwas, das Mudlack für wichtiger hält als es klingt. Bis zur Gründung der amerikanischen Federal Reserve unterschied die Ökonomie noch sauber zwischen Geldmengeninflation (Ursache) und Güterpreisteuerung (Folge). Dass wir heute nur noch das zweite messen und öffentlich diskutieren, hat seiner Meinung nach System: Wer die Ursache benennt, benennt auch, wer davon profitiert.

 

Was das mit Bauern zu tun hat

Direkt. Wer als Landwirt wirtschaftet, spürt den Cantillon-Effekt mit besonderer Brutalität: Die Kosten – Diesel, Dünger, Pacht, Maschinen – steigen zuerst. Die Verkaufspreise folgen langsam, wenn überhaupt. Und weil Bauern auf dem Weltmarkt konkurrieren, haben sie keine Preisdurchsetzungsmacht, die das ausgleichen könnte.

Timo, der das aus der eigenen Druckerei kennt – steigende Papierpreise, sinkende Margen – bringt es auf den Punkt: Es ist kein Versagen des einzelnen Betriebs. Es ist Struktur.

Aber das allein wäre noch eine Geschichte über Ungerechtigkeit. Was das Gespräch interessanter macht, ist die Subventionsfrage. Mudlack vergleicht das, was mit der Landwirtschaft passiert ist, mit dem Verhalten eines Dealers: Anfangs war es ein Angebot. Irgendwann wurde es zur Abhängigkeit. Bauern, die über Jahrzehnte gelernt haben, dass Compliance mit Auflagen und Regulierungen Subventionen bedeutet, wurden systematisch aus dem unternehmerischen Denken herausgetrieben. Satelliten überwachen jeden Traktorweg. Das wissen sie. Und sie machen es trotzdem, weil die Alternative – Subventionen zu verlieren – für viele Betriebe existenzbedrohend wäre.

Der Ausweg, sagt Mudlack, ist real. Aber er ist langsam. Ein Bauer, der von einem Subventionstropf loskommt, braucht Zeit. Vielleicht ähnlich wie jemand, der eine Sucht überwindet. Das geht nicht von heute auf morgen, und es gibt keine allgemeingültige Antwort.

 

Zur Spekulation gezwungen

Einer der schärfsten Gedanken des Gesprächs ist dieser: In einem inflationären Geldsystem wird jeder zur Spekulation gezwungen, der sein Geld nicht verlieren will. Wer spart, verliert Kaufkraft. Also muss man investieren – in Immobilien, Aktien, Gold, irgendwas. Das klingt nach Freiheit. Es ist aber eher das Gegenteil: ein permanenter Druck, der die Zeitpräferenz der Menschen nach oben treibt. Man denkt kurzfristiger, weil man nicht anders kann.

Und wer von diesem Spiel profitiert? Wer zuerst an günstiges Fremdkapital kommt. Wer hohe Bonität hat. Wer Sicherheiten bietet. Nicht die Landwirtin mit zwanzig Hektar, sondern die Vonovia. Das ist kein Gleichgewicht. Das ist ein langsam laufender Umverteilungsmechanismus.

Bitcoin taucht an dieser Stelle als Gegenangebot auf. Nicht als Spekulationsobjekt, sondern als das Gegenteil: ein Wertaufbewahrungsmittel, das die Zeitpräferenz senkt. Wer in hartem Geld spart, denkt langfristiger. Wer langfristiger denkt, wirtschaftet anders. Wer anders wirtschaftet, investiert in den Betrieb, statt in die nächste Immobilie als Absicherung gegen das eigene Geld.

 

Die neue Hanse

Das Gespräch endet dort, wo es persönlich wird. Timo beschreibt, was er sich vorstellt: Bauernhöfe, die miteinander kooperieren, anstatt jeder allein eine vollständige Wertschöpfungskette aufzubauen. Ein Betrieb, der Rinder hält, gibt den Schlachtkörper heute an den Großhandel. Dabei könnte er – mit Partnern – Fleischpakete direkt verkaufen, das Fett weiterverwerten, Mehrwert schaffen. Aber das kostet Zeit. Und Zeit kostet Geld. Und Geld, das ständig schlechter wird, macht Planung schwierig.

Mudlack greift das auf: Was er sich vorstellt, klingt nach mittelalterlicher Handelsgeschichte, aber es ist eigentlich sehr zeitgemäß. Eine neue Hanse – kein zentrales Projekt, keine Partei, kein Verband. Ein Netzwerk freier Unternehmer, die arbeitsteilig kooperieren, weil sie erkennen, dass der eine das besser kann und der andere jenes. Die historische Hanse beruhte auf Vertrauen, freiwilliger Kooperation und Handel. Das Modell hat funktioniert, weil niemand es angeordnet hat.

Und Bitcoin Bauernhöfe, sagt er, könnten die Knoten dieses Netzwerks sein. Nicht weil Bitcoin eine Ideologie ist, sondern weil werthaltiges Geld die Voraussetzung für langfristiges Denken ist. Und langfristiges Denken die Voraussetzung für generationenübergreifendes Wirtschaften. Und das wiederum ist das, wofür gute Landwirtschaft schon immer stand.

 

Was bleibt

Mudlack ist kein Pessimist. Aber er ist auch kein Optimist im sorglosen Sinn. Er beobachtet etwas: Immer mehr Menschen kommen auf ihn zu und fragen nach. Nicht weil sie einen Vortrag gehört haben. Sondern weil ihre eigene Realität sie dazu gebracht hat, Fragen zu stellen. Das ist, wie er es formuliert, der einzige Weg, auf dem echte Aufklärung funktioniert – von innen nach außen, ausgelöst durch Erfahrung.

Timo sagt an einer Stelle, dass er vor drei Jahren begann, Bitcoin in seine Landwirtschaftsarbeit einzubringen. Mit mäßigem Erfolg, eher Gegenwind. Jetzt kommen die ersten Bauern und fragen: Was hat es eigentlich damit auf sich?

Das Gespräch am Bach endet mit dem Satz, den Mudlack mit einem Lächeln sagt: „Und schon wird aus dem Spinner ein gefragter Fachmann.“

Vielleicht ist das die präziseste Beschreibung davon, wie Wandel läuft.

 

Das vollständige Bachgespräch mit Benjamin Mudlack gibt es auf YouTube. Und wer wissen will, was das für den eigenen Hof bedeutet: das kostenlose Webinar HODL DEIN HOF läuft regelmäßig – alle Infos und Anmeldung auf hochkultur.org.

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